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„Globalisierung“ : Was ist und zu welchem Ende ...

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John F. Kennedy im Juni 1963 vor dem Römer in Frankfurt. Bild: dpa

Begriffe und ihre Geschichte. Ein Blick in die „langen 1970er Jahre“.

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          Wer heute von „Interdependenz“ spricht, wird außer bei einigen Spezialisten und Studenten der Politikwissenschaft, die sich mit den Theorien internationaler Beziehungen befassen, irritierte Blicke auf sich ziehen. Ganz anders im Falle von „Globalisierung“: Dieses Schlagwort ist ubiquitär, jeder kann sich darunter etwas vorstellen. Es bezeichnet so etwas wie die zentrale Signatur unseres Zeitalters, jener Epoche, die nach dem Ende des Kalten Krieges vor rund dreißig Jahren anbrach und nach wie vor unsere Gegenwart prägt. 1998 hieß es in der weitverbreiteten Zeitungsanzeige einer Investmentbank: „Die Welt ist zehn Jahre alt. Ihre Geburtsstunde war der Fall der Mauer im Jahr 1989.“

          Martin Deuerlein zitiert in seiner Tübinger Dissertation diese und andere zeitdiagnostische Sichtweisen, die dem Säurebad der Historisierung allerdings nicht standhalten, wie der Autor anhand der Begriffs- und Ideengeschichte der Interdependenz mustergültig vorexerziert. Nicht die Jahrzehnte nach dem Ende der bipolaren Weltordnung, sondern die siebziger Jahre waren demnach die „entscheidende Umbruchsphase“, in der sich ein neues Bewusstsein für globale Zusammenhänge herausbildete. Der Terminus „Interdependenz“ avancierte während der 1970er Jahre zu einem Schlüsselbegriff. Er beschreibt den Zustand eines internationalen Systems, das nunmehr einem schwer zu entwirrenden globalen Geflecht aus transnationalen Akteuren, Ebenen, Netzwerken und Strömen glich.

          Blickt man mit Deuerlein auf die Geschichte des Begriffs und des ihn umgebenden semantischen Felds, so war darin ein „Deutungsbruch“ mit dem „hochmodernen“ Interdependenz-Verständnis zu erkennen. Darin spielten nationalstaatlich abgegrenzte Einheiten eine Führungsrolle. Sie kannten und steuerten Handel und Arbeitsteilung im internationalen Maßstab und wurden vom Glauben an Fortschritt und gesellschaftliche Evolution (später „Modernisierung“) geleitet.

          Diese Grundauffassung reichte bis weit ins 19. Jahrhundert zurück und geriet erst im Verlauf der sechziger Jahre ins Wanken. John F. Kennedy empfand diese Periode des Übergangs, wie er 1963 in der Frankfurter Paulskirche sagte, als ein Zeitalter der „interdependence“ wie der „independence“, des Internationalismus wie des Nationalismus. Manchem Beobachter erschienen jene Jahre als Orientierungskrise, die im Herbst 1973 mit dem „Ölschock“ einen Höhepunkt erreichte. Die Rede von einer „schrumpfenden“, gleichwohl immer komplexeren, kaum noch steuerbaren, zwischen globaler Gemeinschaft und Fragmentierung oszillierenden, in jedem Fall interdependenten Welt war allseits zu vernehmen: in Sozialwissenschaften, Politik und Medienöffentlichkeit. Deuerlein zeichnet entsprechende Diskurse bis in feinste Ziselierungen nach. Das sorgt für manche Redundanz, die durch die exemplarische Vertiefung anhand prägnanter Beispiele hätte vermieden werden können.

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