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Globale Agrarkrise : Zucker gegen Gewalt?

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Man muss nicht überschwänglich von der „Gestaltungsmacht des Völkerbunds“ sprechen und kann doch die akribische Suche des Autors dieser am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz entstandenen Arbeit nach Ansätzen zu „internationaler Staatlichkeit“ bewundern. Nicht von ungefähr konnte das „Argument Europa“ im Bereich der Agrarwirtschaft Überzeugungskraft gewinnen. Es entsprang zum einen aus dem Zwang, einen Ausweg aus der Krise finden zu müssen, zum anderen aber nicht zuletzt aus Erfahrungen agrarischer Interessenverbände mit internationaler Kooperation. Die Krise rührte an Grundlagen eines Wirtschaftszweigs, der immer noch als das „soziale Fundament der Nation“ galt. In dieser prekären Lage wollten sich die Agrarexperten in Genf nicht auf die Selbstheilungskräfte eines freien Markts verlassen. Ein rein nationaler Protektionismus kam auch nicht in Frage, hätte der doch dem Grundgedanken der Société des Nations widersprochen. Die Lösung schien in einem Agrarprotektionismus europäischen Zuschnitts zu liegen.

Organisatorisch konnte auf Einrichtungen zurückgegriffen werden, die schon im Zuge eines vor dem Ersten Weltkrieg blühenden Internationalismus entstanden waren. Der erste internationale Agrarkongress 1889 führte zur Gründung der Commission Internationale d’Agriculture (CIA), einer in Paris ansässigen nichtstaatlichen „agrarischen Informationsstelle“. Auch Vertreter aus den Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada nahmen an den regelmäßig tagenden Kongressen teil, insgesamt aber handelte es sich um Veranstaltungen der Europäer. Nach dem Krieg waren die Deutschen zunächst ausgeschlossen und seinerseits zögerte der Deutsche Landwirtschaftsrat, Paris als Hauptsitz der CIA zu akzeptieren.

Der Beitritt zur CIA wurde dadurch erleichtert, dass ihr Sekretariat im schweizerischen Brugg zu Hause war, der Heimatsstadt von Ernst Laur, einem Vordenker der „Grünen Internationale“. Damit war ein rühriger privatwirtschaftlicher Verband entstanden, der die Einrichtungen des Völkerbunds nutzte, um marktinterventionistische Absprachen über Export- und Produktionsquoten insbesondere für Weizen und Zucker zu erreichen. Die Zuckerindustrie spielte 1931 mit einem internationalen Warenabkommen eine Pionierrolle. Daraus speiste sich schon bald die „diskursive Konstruktion eines Europas um die Zuckerrübe herum“.

Seitenblicke wirft Fritz Georg von Graevenitz auch auf das Internationale Agrarinstitut in Rom und die Versuche faschistischer Unterwanderung des Agrarinternationalismus. Von Instrumentalisierung spricht er im Fall des nationalsozialistischen Deutschland. Dessen regimekonforme Verbände verhandelten über internationale Warenabkommen, die der Steigerung des deutschen Kriegspotentials dienten. Von der Teilnahme Deutschlands an Wirtschaftsverhandlungen sollte aber nicht auf die Bereitschaft zu „regem internationalen Austausch“ geschlossen werden. Wie die Weltzucker-Konferenz 1937 zeigte, standen die Signale schon auf Krieg.

Fritz Georg von Graevenitz: Argument Europa. Internationalismus in der globalen Agrarkrise der Zwischenkriegszeit (1927–1937). Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2017. 470 S., 49,95 .

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