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Ghettos im Holocaust : Tausend Orte, Millionen Opfer

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Eingang des Ghettos Stanislawów Bild: Wallstein Verlag

Als im November 1945 die Rote Armee ankündigte, das „riesige Areal“ dem polnischen Staat zu übergeben, setzten sich ehemalige politische Häftlinge dafür ein, Auschwitz als Gedenkort zu erhalten, als „Symbol der Opfer und der Aufopferung derer, die um Polen kämpften“.

          Schrecken pur können nüchterne Fakten vermitteln: Die „Enzyklopädie der Ghettos während des Holocaust“ erfasst mehr als tausend Orte - von Abony in Ungarn bis Zyrardów in Polen. Die Koordinaten des jeweiligen Standortes, die Zahl der jüdischen Einwohner und deren Lebensbedingungen vor der deutschen Besatzung sowie die danach einsetzenden meist mörderischen Folgen werden referiert. Vierzehn Autoren wollen der extremen Situation der „dem Untergang geweihten Opfer“ gerecht werden und sogar Auskunft über deren Schwächen geben: „über Korruption, Kollaboration mit den Tätern und über die Auflösung des gesellschaftlichen Lebens an einigen Orten“.

          Dan Michman, leitender Historiker der Gedenkstätte Yad Vashem, betont, dass die Ghettos der NS-Zeit „ein dezidiert osteuropäisches Phänomen“ waren. Unter dem - in der Frühen Neuzeit aufkommenden - Begriff Ghetto hätten die Nationalsozialisten „eine taktische Maßnahme im Umgang mit den osteuropäischen Juden“ verstanden. Demgegenüber habe der Begriff „Endlösung“ einen radikalen Richtungswechsel des traditionellen Antisemitismus beinhaltet: „eine strategische Maßnahme. Die Entstehung der Ghettos als solche ist nicht als konzeptioneller Schritt auf dem Weg zur ,Endlösung‘ zu betrachten, sondern als ein Phänomen, das auf einer anderen Ebene lag - auch wenn dieser Unterschied für die Juden in jenen Jahren fast nicht zu erkennen und letztlich bedeutungslos war“.

          Wie ging Polen mit Auschwitz, mit der monströsen Hinterlassenschaft der nationalsozialistischen Herrschaft, nach dem Krieg um? „Auch wenn der Anblick friedlich grasender Schaf- und Rinderherden auf dem Gelände des Vernichtungslagers sicherlich etwas grotesk wirkte, war die Anwesenheit der Tiere von großem Nutzen, schließlich gab es keinen besseren und günstigeren Weg, das Gras des riesigen Areals kurz zu halten und den Boden zu pflegen.“ Und: Die Bevölkerung „benutzte die vom Museum betriebene Tankstelle in Birkenau, das Museum ,lieh‘ sich deutsche Zwangsarbeiter beim nahe gelegenen Stammlager aus, und auch Plünderungen in Birkenau hielten an“. Solche „Friedhofshyänen“ - so Imke Hansen in ihrer meisterhaften Studie über Entstehung und Alltag der Gedenkstätte Auschwitz im ersten Nachkriegsjahrzehnt - durchsuchten seit der Lager-Befreiung durch die Rote Armee Ende Januar 1945 „Massengräber und Aschefelder nach Goldzähnen und anderen Wertsachen“.

          Als im November 1945 die Rote Armee ankündigte, das „riesige Areal“ dem polnischen Staat zu übergeben, setzten sich ehemalige politische Häftlinge dafür ein, Auschwitz als Gedenkort zu erhalten, als „Symbol der Opfer und der Aufopferung derer, die um Polen kämpften“. Sie erweckten dabei den Eindruck, Auschwitz sei ausschließlich ein Ort polnischen Leidens gewesen. Ein Grund dafür war auch der Antisemitismus der polnischen Nachkriegsgesellschaft. Bis 1947 kamen über tausend Juden bei Gewalttaten ums Leben; wegen antisemitischer Pogrome verließen im zweiten Halbjahr 1946 trotz schwieriger Ausreisebedingungen an die 70 000 Juden das Land, so dass schließlich noch 110 000 Juden in Polen lebten.

          Am 2. Juli 1947 verabschiedete der Sejm ein Gesetz, um Auschwitz-Birkenau „für alle Zeiten als Denkmal des Leidens des polnischen Volkes und anderer Nationen“ zu erhalten. Die Eröffnungsfeier hatte zwei Wochen vorher stattgefunden, am 14. Juni 1947, dem siebten Jahrestag des ersten Transportes nach Auschwitz. Dem Hauptredner, Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz, selbst ein ehemaliger politischer Häftling in Birkenau, ging es um eine kommunistische Vereinnahmung des Ortes. Daher stilisierte er Tote und Überlebende zu Soldaten im Kampf für Freiheit und Frieden sowie gegen den kapitalistischen und imperialistischen Westen. Mit Blick auf die Zukunft forderte er: „Nie wieder Auschwitz!“

          Anfang der fünfziger Jahre stand die Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz im Dienste des Stalinismus - bis hin zur „expliziten Gleichsetzung“ der Eroberungs- und Vernichtungsabsichten der Nationalsozialisten mit der Politik der Westmächte im Kalten Krieg. Das änderte sich nach Stalins Tod. „Grundsatz der Neugestaltung war die Präsentation des authentischen Ortes“, schreibt Hansen. Jetzt erfolgte eine Differenzierung der Opfer, über die es 1955 in einem internen Papier hieß: „Es waren vor allem Juden, aber auch Russen, Polen, Zigeuner, Franzosen, Italiener, Holländer, Belgier usw. und auch Deutsche. Diese Menschen stammten aus allen sozialen, religiösen und politischen Umfeldern.“ Bei den Feiern zum zehnten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz verzichteten dann die verschiedenen Gedenk-Akteure weitgehend auf die Feindbilder Westeuropa und Vereinigte Staaten; die Verantwortung deutscher Wirtschaftseliten für die Verfolgung und Ermordung der Juden blieb jedoch ein Ausstellungsthema, auch die scharfe Kritik an einer „oberflächlichen Entnazifizierung“ in der Bundesrepublik.

          Bis 1955 pflegten besonders ehemalige polnische politische Häftlinge „heroisierende Interpretationen“ der Lagergeschichte. Dies brachte - so Hansen - „häufig die Ausblendung, Vereinnahmung oder Gleichsetzung der Schicksale anderer Verfolgtengruppen, vor allem der jüdischen, mit sich“. Das Gedenken sollte dem Leiden und Tod der Opfer einen Sinn, eine positive Botschaft verleihen: „durch die Betonung von Kampf und Widerstand sowie der gegenseitigen Hilfe und Solidarität“ der Häftlinge - mit dem „Sieg über die nationalsozialistischen Täter“ als Ziel.

          Guy Miron/Shlomit Shulhani (Herausgeber): Die Yad Vashem Enzyklopädie der Ghettos während des Holocaust. Zwei Bände. Wallstein Verlag, Göttingen 2014. 1091 S., 99,- €.

          Imke Hansen: „Nie wieder Auschwitz!“. Die Entstehung eines Symbols und der Alltag einer Gedenkstätte 1945-1955. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 310 S., 34,90 €.

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