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Geschichtspolitik unter Kohl : Sekundärer Antisemitismus am Rhein?

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Israels Ministerpräsident Schimon Peres und Bundeskanzler Helmut Kohl 1986 in Bonn Bild: Imago

Die Verbreitung eines affirmativen Geschichtsbilds hält Jacob S. Eder für ein zentrales Ziel der Kohl-Regierung - wie er ständig wiederholt, freilich ohne dies plausibel belegen zu können. Es scheint sich hier eher um die typische Überschätzung des eigenen Arbeitsfelds durch einen Historiker zu handeln.

          Immer zahlreicher werden die Komposita des sperrigen Wortes, das seit Ende der 1970er Jahre zunehmend die Ermordung der europäischen Juden bezeichnet: Holocaust. So ist von Holocaust-Literatur wie von Holocaust-Gedenken die Rede, es gibt gar eine Holocaust-Erziehung. Nun also noch „Holocaust Angst“. Mit diesem Wortungetüm meint der Verfasser der in Pennsylvania entstandenen, gut geschriebenen Dissertation eine deutsche Furcht vor der Amerikanisierung des Holocausts und vor einer Reduzierung der deutschen Geschichte auf dieses Jahrhundertverbrechen. Der Holocaust war mit der gleichnamigen Fernsehserie von 1978 und der Projektierung eines Holocaust-Museums in Washington immer stärker ins Zentrum amerikanischer Geschichtskultur gerückt. Präsident Jimmy Carter wollte die jüdische Wählerschaft mit den Demokraten versöhnen, nachdem er diese durch rhetorische Unterstützung der Palästinenser und Waffengeschäfte mit Saudi-Arabien und Ägypten verärgert hatte. Dass der Bundesregierung unter Helmut Kohl seit 1982 die zunehmende amerikanische Konzentration auf den Holocaust nicht angenehm war, versucht Jakob S. Eder nun zu skandalisieren, indem er archivgestützt diese Facetten Kohlscher Geschichtspolitik betrachtet und kritisiert.

          Die Verbreitung eines affirmativen Geschichtsbilds hält Eder für ein zentrales Ziel der Kohl-Regierung - wie er in stetiger Wiederholung versichert, freilich ohne dies plausibel belegen zu können. Es scheint sich hier eher um die typische Überschätzung des eigenen Arbeitsfelds durch einen Historiker zu handeln. Immerhin standen mit der Nachrüstung, hoher Arbeitslosigkeit und einer lahmenden Wirtschaft noch einige andere nicht ganz unwichtige Themen auf der Agenda.

          Betrachtet man aber nun die ausgeleuchteten geschichtspolitischen Ideen und Ziele Kohls und seiner Emissäre in den Vereinigten Staaten im Einzelnen, so erscheinen sie weniger skandalträchtig als vom Autor angenommen. Man wollte im Holocaust-Museum auch den deutschen Widerstand und die positive Nachkriegsentwicklung gewürdigt wissen. Kohl beauftragte den CDU-Abgeordneten Peter Petersen mit dieser Mission. Möglicherweise wurden in Verfolgung dieser Zielsetzung - so ganz sicher ist sich der Autor nicht - auch Finanzmittel für das neue Museum in Aussicht gestellt, was dessen Leitung aber ebenso ablehnte wie eine Erweiterung des Museumskonzepts. Ferner, so die Vorwürfe weiter, beachteten Kohl und seine Mitarbeiter in der internen Wortwahl nicht die Vorgaben heutiger politischer Korrektheit. Gar Stereotype seien im Umfeld Kohls in Gebrauch gewesen, man mag es nicht glauben. Schließlich wollte die Bundesregierung auf die Besetzung des Direktorenpostens des von ihr 1987 selbst gegründeten Deutschen Historischen Instituts in Washington doch tatsächlich Einfluss nehmen, ohne dass dies im Übrigen zur Zufriedenheit gelang. Der Gründungsdirektor Hartmut Lehmann stellte sich gegenüber Einflussversuchen aus Bonn nämlich ziemlich taub - und der Beirat betonte die Autonomie der Wissenschaft. Auch der Fehlschlag der Versöhnungsgeste in Bitburg zwischen Kohl und Präsident Ronald Reagan wird abermals ausgebreitet.

          Wie schnell man sich in den Fängen der Geschichtspolitik verheddern kann, die der Autor nicht nur analysieren, sondern zu der er offenkundig beitragen will, zeigt sich in der Darstellung mehrfach. Eder erklärt eine generelle Feindseligkeit amerikanischer Juden gegenüber Deutschland mit der Tatsache, dass viele von ihnen aus Osteuropa stammten und ihnen somit das positive Deutschlandbild der deutschen Juden vor 1933 fehlte. Die negative Einstellung tradierten sie dann an die Folgegeneration. Wenige Zeilen später bezeichnet der Autor das Bild Kohls und seiner Entourage von unversöhnlichen amerikanischen Juden als Form eines „sekundären Antisemitismus“. Trifft das Verdikt dann nicht auch auf ihn selbst zu?

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