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Stalin-Note von 1952 : Noch hinterher darauf reinfallen

  • -Aktualisiert am

Der Kreml bei Nacht am 26. Mai 2013 Bild: Picture-Alliance

Gerhard Wettig widmet sich der historiographischen Kontroverse um die Stalin-Note vom März 1952. Für ihn war die Stalin-Note nur eine Drohung an die Adresse Ost-Berlins, dass sich Moskau jederzeit mit den Westmächten auf ein Ende der deutschen Teilung verständigen und dabei die DDR opfern könnte.

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          Das Gesicht des sowjetischen Außenministers Wyschinski, das eben noch so angespannt gewirkt hatte, hellte sich urplötzlich auf. In der Hand hielt er eine diplomatische Note der Vereinigten Staaten, die den Vorschlag der Sowjetunion für eine Wiedervereinigung Deutschlands - die sogenannte Stalin-Note - faktisch ablehnte. Weshalb aber reagierte er derart gelöst? Hatte die Sowjetunion nicht soeben eine diplomatische Niederlage hinnehmen müssen?

          Schon seit Monaten wurden in Moskau Überlegungen angestellt, wie das Land auf die fortschreitende Westintegration der Bundesrepublik reagieren sollte. Im Mai 1952 standen nun der Abschluss des Generalvertrags und die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft auf der Agenda. Damit wäre die Bundesrepublik noch tiefer im antikommunistischen Westen verankert worden. Zudem schien auch die Wiederbewaffnung der (West-)Deutschen, das Schreckgespenst der traumatisierten Sowjetunion, beschlossene Sache. Das wollte Stalin in jedem Falle hintertreiben und ließ deshalb seit September 1951 von seinem Außenminister den Entwurf eines „Friedensvertrags mit Deutschland“ ausarbeiten.

          Die schließlich am 10. März 1952 den Westmächten übergebene Stalin-Note sah die Bildung einer gesamtdeutschen Regierung vor, die mit den Alliierten über einen Friedensvertrag verhandeln sollte. Das vereinte Deutschland sollte außenpolitisch neutral sein, innenpolitisch wurden dem deutschen Volk die „demokratischen Rechte“ garantiert. Eine tolle Sache, könnte man denken, was der Genosse Generalsekretär den Deutschen da so anbot. Und in der Tat dachten einige Historiker genau so. Mit der Stalin-Note ist es daher ein wenig wie mit der Nazi-Propaganda. Die Leute fallen vor allem hinterher darauf rein.

          Gerhard Wettig widmet sich nun ausführlich der historiographischen Kontroverse um die Stalin-Note. Er referiert dabei noch einmal die Argumente der Vertreter der Angebotsthese, also derjenigen Historiker, die davon ausgehen, Stalin hätte einen ernstzunehmenden Vorschlag zur Wiedervereinigung gemacht. Die Sowjetunion, so deren Ansicht, sei durchaus bereit gewesen, die DDR aufzugeben, um eine Wiederbewaffnung der Bundesrepublik zu verhindern. Dem stellt Wettig die Disziplinierungsthese gegenüber, die vor allem von russischen Historikern vertreten wird. Danach war die Stalin-Note nur eine Drohung an die Adresse Ost-Berlins, dass sich Moskau jederzeit mit den Westmächten auf ein Ende der deutschen Teilung verständigen und dabei die DDR opfern könnte.

          Wettig kommt schließlich nach Auswertung der bekannten Archivbestände und veröffentlichten Quellen zu dem Schluss, dass man auch in Zukunft von der Propagandathese ausgehen müsse. Die Stalin-Note war also nichts weiter als der Versuch des Diktators, einen Propagandaerfolg zu erzielen, um damit die Remilitarisierung der Bundesrepublik zu verhindern. Ein ernstzunehmender Vorschlag zur Wiedervereinigung war es nicht. In Moskau hieß es deshalb auch insgeheim, man müsse angesichts der drohenden Wiederbewaffnung der Bundesrepublik „neue heuchlerische Schritte auf dem Gebiet der Wiedervereinigung“ unternehmen. Die eingangs beschriebene Erleichterung des Außenministers Wyschinski spricht dabei Bände, hatte er doch einem zögernden Stalin versprochen, dass die Westmächte keinesfalls verhandeln würden. Was mit ihm passiert wäre, wenn der Diktator sich über eine Fehleinschätzung echauffiert hätte, kann man sich ausmalen. So weit, so bekannt.

          Warum aber nun dieses Buch, das zu einem sehr plausiblen, dafür aber wenig überraschenden Ergebnis kommt? Der Grund liegt wohl darin zu suchen, dass sich auch die Historikerzunft von Zeit zu Zeit gezwungen sieht, bereits hinreichend erforschte Gegenstände aus der Mottenkiste zu holen und mit wohlfeilen Thesen an ihrer Patina zu schaben. Auf diese Weise lässt sich für einige Jahre vortrefflich debattieren, bis dann nach allerlei Hin und Her manchmal doch alles weitgehend beim Alten bleibt. Wettig leistet somit diese Neujustierung der Debatte im alten Gewande, nicht mehr und nicht weniger.

          Dabei kommt Wettig sein solides Wissen über den Marxismus-Leninismus-Stalinismus zupass, das ihn davor bewahrt, sowjetische Propagandabegriffe wörtlich zu nehmen. Das Angebot Stalins, dem deutschen Volk „demokratische Rechte“ zu gewähren, sollte nämlich keinesfalls an westlichen Demokratievorstellungen gemessen werden. Echte Demokratie existierte für Stalin nur im „sowjetischen Modell“, denn nach Moskauer Lesart gab es im Westen keine demokratischen Verhältnisse. Die Herrschaft des Monopolkapitals in der Bundesrepublik sollte deshalb langfristig durch die Herrschaft der SED ersetzt werden, die als einzige Partei den wahren, demokratischen Volkswillen verkörperte. Dumm nur, dass das Volk dies völlig anders sah.

          Gerhard Wettig: Die Stalin-Note. Historische Kontroverse im Spiegel der Quellen. Bebra-Verlag, Berlin 2015. 210 S., 26,- €.

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