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Gerhard Graf von Schwerin : Aachens Retter und Dönhoffs Held

  • -Aktualisiert am

Der Aachener Dom im September 2015 Bild: dpa

Peter Quadflieg hat 2007 im Auftrag der Stadt Aachen an einem Gutachten über Graf Schwerin und das Kriegsende in Aachen mitgewirkt. Die nun vorliegende Biographie geht freilich weit darüber hinaus.

          Wie sich die Zeiten ändern! Mehr als 1000 ehemalige Angehörige der 116. Panzerdivision der Wehrmacht waren 1963 dabei, als in Aachen eine Straße nach Gerhard Graf von Schwerin benannt wurde, der die Stadt im Oktober 1944 kampflos an die Amerikaner übergeben habe: eigenverantwortlich, nur seinem Gewissen verpflichtet, in einem Akt militärischen Widerstands. 44 Jahre später, 2007, machte die Stadt die Ehrung rückgängig. Nicht nur hatte in der Zwischenzeit der Mythos des Retters von Aachen erhebliche Kratzer bekommen, sondern zum Bild des Helden passte auch nicht, dass auf Grundlage eines Divisionsbefehls am 13. September 1944 zwei Aachener Jungen von Angehörigen der Einheit als angebliche Plünderer erschossen worden waren und dass der Divisionskommandeur Kenntnis hatte von diesen Erschießungen, welche die Staatsanwaltschaft in einem späten Ermittlungsverfahren als Mord wertete.

          Gerhard Graf von Schwerin war 2007 schon lange tot; er starb 1980. In seiner Heroisierung nach 1945 und dem tiefen Fall, der dieser Heroisierung postum folgte, steht Schwerin indes nicht allein. Die Beispiele für einen solchen fundamentalen Erinnerungswandel, für die Neubewertung von Biographien, gerade auch mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus und individuelles Handeln in den Jahren zwischen 1933 und 1945, sind mittlerweile Legion. Bis auf lokale Ebene wird in unzähligen Untersuchungen und Forschungsaufträgen nicht nur die NS-Vergangenheit von Personen und Institutionen thematisiert, sondern mindestens ebenso sehr auch die Wirkungsgeschichte dieser Vergangenheit, der individuelle und kollektive Umgang mit dieser Vergangenheit nach 1945.

          Peter Quadflieg hat 2007 im Auftrag der Stadt Aachen an einem Gutachten über Graf Schwerin und das Kriegsende in Aachen mitgewirkt. Die nun vorliegende Biographie geht freilich weit darüber hinaus. Allerdings ist auch dieses Buch charakterisiert durch seine doppelte Perspektive. Es wird nicht nur eine Lebensgeschichte erzählt, sondern, gerade mit Blick auf die erste Lebenshälfte, die Jahre zwischen 1899 und 1945, die permanente Konstruktion und Rekonstruktion dieser Lebensgeschichte in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit, die, wie die Aachener Entwicklungen am Beginn des 21. Jahrhunderts zeigen, mit dem Tod des Protagonisten nicht endeten.

          Wenn auch nicht völlig bruchlos, so durchlief Schwerin doch vom Eintritt in die preußische Kadettenanstalt in Cöslin mit noch nicht einmal 13 Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine Militärkarriere, die zwar in den Jahren der Weimarer Republik ins Stocken geriet, sich aber nach 1933 im Zeichen der nationalsozialistischen Aufrüstungspolitik rasch beschleunigte und den jungen Offizier bald in den Generalstab des Heeres führte. Nicht zuletzt dort und in dem Berliner Freundeskreis der Familie geriet Schwerin in Kontakt mit Angehörigen der Militäropposition, unter ihnen Erwin Planck und Hans Oster, ohne jedoch in konspirative Aktivitäten eingebunden zu werden. Der aufstrebende Generalstabsoffizier nützte dennoch eine England-Reise im Frühsommer 1939, um verschiedene Gesprächspartner aus dem englischen Establishment vor der Gefahr eines Krieges und den Folgen des Appeasement zu warnen.

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