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Generationenvertrag : Fragen ohne Antworten

Symbolbild - Generationen Bild: dpa

Der Autor fordert zum Nachdenken auf. Das Buch lässt in dieser Hinsicht viel zu wünschen übrig.

          3 Min.

          Ständig wird vom Generationenvertrag gesprochen, wobei oft untergeht, dass dieser Vertrag nur ein Sprachbild ist. Er lässt sich nicht auf Papier ausdrucken und auch nicht von den Generationen unterzeichnen. Er ist auch nicht einklagbar – und da wird es schwierig. Denn immerhin bildet der Generationenvertrag das Fundament des Lastenausgleichs zwischen den unterschiedlichen Lebensaltern. Dieses Fundament hat schon Risse, und sie werden immer größer. Denn nicht nur werden die Menschen immer älter und es gibt weniger Junge, die diese Last tragen könnten. Eine sehr vom Individualismus geprägte Altersgruppe muss bald die größte Rentnerkohorte der deutschen Geschichte versorgen. Auch wandelt sich der gesellschaftliche Konsens, wer für wen aufzukommen hat.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Eine alternde Gesellschaft, wie die deutsche sie ist, trägt also gleich mehrere Konflikte aus, zwischen unterschiedlichen Einkommensgruppen, Geschlechtern, zwischen Kinderlosen und Kinderreichen. Und daran schließen sich große Fragen an. Wie wird angesichts stark steigender Mieten in den größeren Städten älteren Bürgern ein gutes Leben garantiert? Und ist der Alterungsprozess nur mit Zuzug zu stoppen – oder zumindest der Mangel an Pflegekräften?

          Alles wichtige Themen und Fragen, die Nikolaus von Wolff in seinem Buch „Endlich endlich. Warum die alternde Gesellschaft sich neu erfinden muss“ aufwirft. Von Wolff, Jahrgang 1966, ist freier Publizist und Autor, er hat Philosophie und Visuelle Kommunikation studiert.

          Seiner Feststellung, dass der Generationenvertrag angesichts der veränderten Rahmenbedingungen neu ausgehandelt werden muss, kann man nur zustimmen. Die Politik diskutiert auch ständig darüber, wenn auch in abgeleiteter Form. Bei der Diskussion in der großen Koalition über die Grundrente wurde beispielsweise deutlich, dass es zwar auch um materielle Versorgung geht, aber vor allem um den großen wie unscharfen Begriff der Anerkennung von Lebensleistung. Dazu passt, dass die Grundrente zwar nun kommen soll, ihre Finanzierung aber noch immer unklar ist. Ähnlich ist es beim Thema Erben, das nahezu vollkommen durch die Gerechtigkeits- und damit Steuerbrille betrachtet wird.

          Nun gibt es mehrere Gründe, warum Politik und Politiker sich so schwertun, den Generationenvertrag zu modernisieren, und klare Aussagen scheuen. Die könnten dafür von Autoren wie von Wolff kommen, nur leider bleibt auch sein Essay nahezu alle Antworten schuldig. Jenseits von Allgemeinplätzen („Die alternde Gesellschaft betrifft alle – nicht nur die Alten“, „Aus einer alternden Gesellschaft darf keine Altengesellschaft werden“) leistet sein Text auch sonst keinen konkreten Beitrag.

          In der Tat ist es ein Problem, dass die Deutschen, die 1889 die gesetzliche Rentenversicherung erfunden haben, ein Vertrauen, aber auch eine Anspruchshaltung gegenüber der sozialen Ordnung des Staates haben, die angesichts der aktuellen Entwicklungen nicht unproblematisch ist. Das Rentensystem des 19. Jahrhunderts konnte keine Vorstellung haben von Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung und steigendem Bildungsniveau. Das ausgesprochen, blättert man erwartungsvoll weiter – und findet bei von Wolff nur weitere unbeantwortete Fragen.

          Ist eine Bürgerrente nach Schweizer Vorbild eine Lösung? Sollten die Beamtenprivilegien aufgelöst werden? Und wie etwa könnte man das Rentenmodell umgestalten, so dass es sich nicht mehr nur aus Rentenbeiträgen speist? Steuerliche Querfinanzierung, Steuern auf Finanztransaktionen, Internetgeschäfte oder Flugreisen? Der Autor kann sich leider nicht dazu durchringen, für eine Option zu werben – oder auch nur das Für und Wider zu diskutieren, damit der Leser es tun könnte. Das Konkreteste, das von Wolff anbietet, ist die Überlegung, dass einer Theaterwissenschaftlerin ohne Abschluss zugetraut werden dürfte, nach einer Fortbildung in einer Grundschule Deutsch oder Sachkunde zu unterrichten.

          Am Ende seiner knappen Ausführungen kommt der Autor auf Japan zu sprechen. Das Land ist ein interessanter Fall, schließlich hat es eine noch deutlich ältere Gesellschaft als Deutschland, trotzdem ist Japan als Volkswirtschaft sehr erfolgreich und innovativ. Wie gelingt der japanischen Gesellschaft das? Die Regierung fordert etwa die Entwicklung von Technologien, die in der Pflege zum Einsatz kommen können. Überhaupt werde an einer ganzheitlichen Politik der Alterung gearbeitet. Aber auch hier fehlt alles Weiterführende, was spätestens an dieser Stelle zum Ärgernis geworden ist. Für reine Problembeschreibungen fehlt inzwischen aber die Zeit, das Rentenmodell, für das nicht mehr „one size fits all“ gelten kann, braucht dringend konstruktive Veränderungsvorschläge.

          Nikolaus von Wolff: Endlich Endlich! Warum die alternde Gesellschaft sich neu erfinden muss.

          Chromaland Medienverlag, Chemnitz 2019. 128 S., 12,90 .

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