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Gemeinsames-Trennendes : Schwarz-weiß-rot-braune Kontinuitätslinien

  • -Aktualisiert am

Das Bundesinnenministerium in Bonn Bild: Picture-Alliance

Soll man „Fachleute“ aus der NS-Zeit weiter beschäftigen? Fragen, die sich nach 1945 sowohl in Bonn als auch in Ost-Berlin stellten.

          Wenige Monate nach seiner Errichtung 1949 wurde im Bundesinnenministerium ein Referat für „Belange des Judentums“ geschaffen. Konrad Adenauer selbst hatte sich dafür eingesetzt. Das Kanzleramt wollte in diesem Referat nicht nur die „kulturellen Angelegenheiten der jüdischen Religionsgemeinschaften“ angesiedelt wissen, sondern auch die Aufgabe, „für eine ausreichende Berücksichtigung der jüdischen Interessen in der Gesetzgebung und Verwaltung Sorge zu tragen“. Referatsleiter wurde Carl Gussone, der zu den ersten Beamten des höheren Dienstes gehörte, die 1949 in das Ministerium eingetreten waren. Dass die Biographie seiner ersten Lebenshälfte den 1907 geborenen Juristen für die Referatsleitung prädestinierte, wird man nur mit größtem Zynismus behaupten können. Gussone war 1933 in die NSDAP eingetreten, im gleichen Jahr auch in die Allgemeine SS und in sieben weitere NS-Organisationen. Später war er mit hoher Wahrscheinlichkeit als Finanzbeamter an der Diskriminierung von Juden beteiligt. Kaum hatte Gussone 1951 das Referat übernommen, landete ein Vorschlag des Bundespräsidialamts auf seinem Schreibtisch, in dem es um die Unterstützung einer Verständigungsveranstaltung zwischen Juden und Nichtjuden ging. Gussone lehnte die Initiative als „untunlich“ ab. Von einem „weit verbreiteten Antisemitismus im deutschen Volk“ könne „ernsthaft wohl nicht gesprochen werden. Davon abgesehen, habe die Bevölkerung kein Interesse, an die „Missetaten gegenüber den Juden“ erinnert zu werden, zumal auch „in den Jahren seit 1945 manche Greueltaten im Bereich der ehemaligen Alliierten geschehen“ seien. An den Rand einer Aufklärungsbroschüre zur NS-Propaganda setzte er im gleichen Jahr ein großes Fragezeichen. Es bezog sich auf den Satz: „Viele Deutsche wussten von dem Abtransport der Juden nach dem Osten, und sehr viele wussten auch, dass es zum Zwecke der Vernichtung geschah, es war Volksgespräch.“

          Die Causa Gussone, der NS-Verbrechen bagatellisierte und sich weigerte, Antisemitismus – vergangenen und gegenwärtigen – als solchen wahrzunehmen, bildet die Spitze eines Eisbergs, den nun eine vom Bundesministerium des Innern in Auftrag gegebene und vom Institut für Zeitgeschichte (München-Berlin) sowie dem Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam) durchgeführte Studie über die Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin nach dem Nationalsozialismus sichtbar werden lässt. Die Untersuchung verdankt sich jener Aufarbeitungsdynamik, die nach 2010 nicht zuletzt nach dem Erscheinen des vieldiskutierten Buches über das Auswärtige Amt und sein Personal vor und nach 1945 einsetzte. Diese hat seither eine immer größer werdende Zahl von Bundesministerien und Bundesbehörden erfasst, hat sich aber auch auf die Länder- und die kommunale Ebene ausgeweitet. Längst ist das Bundesinnenministerium von seiner 2005 vertretenen Position abgerückt, als dessen Sprecher auf die Anfrage eines Bundestagsabgeordneten nach der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit erklärte, die Ministerien des Bundes verfügten angesichts ihrer Gründung nach 1949 über keine nationalsozialistische Vergangenheit, die der Aufarbeitung bedürfe.

          Die große Herausforderung für die Historikerkommissionen und ihre Mitarbeiter besteht darin, nicht nur den öffentlichen Aufträgen gerecht zu werden, sondern zugleich zeithistorisch weiterführende Forschungsbeiträge zu liefern. Das ist indes gar nicht so einfach. Der Studie, an der neben den beiden Leitern acht weitere Wissenschaftler mitgearbeitet haben, gelingt das unter anderem deswegen, weil sie ihren Blick auf West- und Ostdeutschland richtet und das Ministerium des Innern (MdI) der DDR in vergleichender und verflechtungsgeschichtlicher Perspektive einbezieht. Das lohnt sich gerade mit Blick auf die Innenministerien und ihre intensive Wechselbeziehung beispielsweise in dem Versuch, präventiv Gegner zu bekämpfen: Kommunisten im Westen, „Agenten des Imperialismus“ im Osten. Die NS-Zeit bildete für die Systemauseinandersetzung einen zentralen Bezugspunkt, nicht zuletzt in den nicht endenden DDR-Kampagnen gegen „alte Nazis“ in Bonner Diensten und der Behauptung, selbst einen „antifaschistischen“ Neubeginn erreicht zu haben, was freilich nichts anderes meinte, als die Dominanz der SED.

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