https://www.faz.net/-gpf-849n3

Geleugneter Massenmord : Exkulpation der Sowjets?

  • -Aktualisiert am

Eine polnische Fahne an den Gedenksteinen des Massakers von Katyn Bild: dpa

Das Massaker von Katyn vom Frühjahr 1940 steht auch für eine der großen Propagandaschlachten der Geschichte, die im Januar 1943 begann.

          4 Min.

          Bisweilen verdichtet sich die Geschichte so in einem Namen, dass er im kollektiven Gedächtnis zum mächtigen Symbol wird. Mit einem westrussischen Dorf in der Nähe von Smolensk ist dies so geschehen. Katyn wurde zur Chiffre für Völkermord, Verrat, Vertuschung und Verbrechen. Es ist der Ort des Massenmordes, den Stalin und sein Geheimdienstchef Berija im Frühjahr 1940 anordneten und auf brutale Weise exekutieren ließen: an 4300 polnischen Offizieren und Spitzenbeamten. Sie waren der Kernbestand jener rund 25 000 Personen der polnischen Elite, die an anderen Orten umgebracht wurden, um die Führungsschicht des Landes auszurotten.

          Es bezeichnet das hartnäckige Leugnen aller Moskauer Regierungen, die Massaker zuzugeben und sie der deutschen Wehrmacht anzulasten. Alle Sowjetführer seit Stalin kannten die Wahrheit. Alle hielten die Dokumente über die Mordaktion strikt unter Verschluss. Erst im Frühjahr 1990 räumte Michail Gorbatschow - nachdem auch er über fünf Jahre hinweg gelogen und vertuscht hatte - die Existenz des geheimen Zusatzprotokolls vom August 1939 über die Aufteilung Polens ein und machte die sowjetische Täterschaft aktenkundig. Es sollte ein Signal sein inmitten des sich zuspitzenden Machtkampfes in Warschau zwischen der kommunistischen Regierung unter General Wojciech Jaruzelski und der von Walesa geführten Gewerkschaft Solidarność. Aber dafür war es längst zu spät. Gorbatschow, der gesamte Ostblock, ja, die Sowjetunion selbst, wurde unter dem Lügengebäude begraben.

          Katyn war längst zum Synonym für die tief sitzende polnische Russophobie geworden, deren Wurzeln mehr als 200 Jahre zurückreichen. Angefacht wurde sie durch die Weigerung der russischen Justiz, die weiterhin gesperrten Akten über die Hinrichtungen freizugeben und den Opfern von 1940 Rehabilitierung beziehungsweise deren Hinterbliebenen Entschädigung zu gewähren. Alle Ansätze einer Verständigung wurden durch Wladimir Putin begraben. Als er sich im April 2010 mit Ministerpräsident Tusk zum Gedenken an den 70. Jahrestag vor Ort traf, kam seine Ansprache einem Affront gleich. Er wies jede Verantwortung von sich und verstieg sich zur Aussage, im Wald von Katyn lägen mehr Russen als Polen.

          Drei Tage später geschah das Unfassbare: Die polnische Präsidentenmaschine mit Lech Kaczynski und weiteren 95 Personen zerschellte beim Landeanflug auf Smolensk. Bis heute sind die Stimmen nicht verstummt, die dahinter einen Anschlag des russischen Geheimdienstes vermuten. Ja, die seither eingetretene Putinisierung der russischen Politik tat ein Übriges, um die Konspirationstheorien zu beflügeln: die Verherrlichung der sowjetischen Vergangenheit, die Marginalisierung des Stalinschen Terrors, die Umdeutung der Henker in „Helden der Sowjetunion“. All dies ist ein Indiz dafür, dass sich für Putin der Siegesmythos des „Großen Vaterländischen Krieges“ und der Opfermythos „Katyn“ gegenseitig ausschließen.

          „Katyn“ steht auch für eine der großen Propagandaschlachten der Geschichte. Sie begann im Januar 1943. Obschon die Geheimpolizei die Leichen sorgfältig in den Exekutionsgruben verscharrt, das Gelände mit Planierraupen eingeebnet und mit Kiefernsetzlingen bepflanzt hatte, dauerte es keine drei Jahre, bis die deutsche Wehrmacht die mit Winteruniformen bekleideten Soldaten entdeckte. Reichspropagandaminister Goebbels nutzte die Sensation, um die Weltpresse zu informieren, das Rote Kreuz einzuschalten und mit Hilfe einer internationalen Expertenkommission jeden Zweifel an der sowjetischen Täterschaft zu beseitigen. Sein Ziel war es, einen Spaltpilz in die Anti-Hitler-Koalition zu tragen. Im Gegenzug arbeitete die Fälscherwerkstatt des NKWD auf Hochtouren, präparierte falsche Zeugen, ließ echte verhaften oder umbringen. Und die vom Gerichtsmediziner Nikolai Nilowitsch Burdenko geleitete Obduktionskommission legte „Beweise“ vor, die ergaben, dass das Massaker erst im Herbst 1941, mithin von den Deutschen, verübt worden sei.

          Weitere Themen

          Tusk ruft Polen zu Protesten auf

          Justizreform in Polen : Tusk ruft Polen zu Protesten auf

          Niemand werde stärker für die polnische Justiz kämpfen. als die Polen selbst, sagt der frühere Präsident Donald Tusk. Die regierende PiS-Partei will Richter belangen, wenn sie sich negativ äußern.

          Keine konkreten Ergebnisse Video-Seite öffnen

          Welt-Klimakonferenz : Keine konkreten Ergebnisse

          Der Abschluss der Klimakonferenz verzögerte sich so lange, wie noch nie zuvor. Mit rund 40 Stunden Verspätung einigten sich die Abgesandten von etwa 200 Staaten auf ein gemeinsames Abschlussdokument. Allerdings wurden wichtige Entscheidungen auf den nächsten Gipfel in einem Jahr im schottischen Glasgow verschoben.

          Topmeldungen

          Klimakonferenz in Madrid : Keinen Schritt weiter

          Mit dem Minimalkonsens der Madrider Klimakonferenz sind die Staaten auf dem Stand von vor einem Jahr geblieben. Vielleicht sollte das Format grundsätzlich überdacht werden.
          Abschied vom Kollegen: Feuerwehrleute am Samstag vor Beginn der Trauerfeier in der Pfarrkirche St. Ägidius in Neusäß

          Gewalttat in Augsburg : Mal wieder junge Männer

          Nach dem Tod eines Feuerwehrmannes auf dem Königsplatz in Augsburg stellen sich viele Fragen: Sind junge Migranten heute gewaltbereiter als früher? Und woran starb das Opfer?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.