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Geheimdienste : Der Übertritt des Aufklärers

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Bild: Archiv

Zwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges kann Werner Stiller erzählen, wie es wirklich war: Wie er als Oberleutnant in der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR-Staatssicherheit die Seiten wechselte und in den Westen floh.

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          Seinen Übertritt von Ost nach West vollzog Werner Stiller, Oberleutnant in der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR-Staatssicherheit, am 18. Januar 1979 im geteilten Berlin. Das Risiko, das der „Verräter“ eingegangen war, hätte bei seinem Scheitern den Tod bedeutet. Fast wäre es dazu gekommen, denn ihm gelang der Seitenwechsel quasi in letzter Stunde. Die Stasi-Spionageabwehr war ihm auf die Spur gekommen - offensichtlich infolge unprofessionellen Vorgehens des Bundesnachrichtendienstes (BND) in der konspirativen Kommunikation. Wenige Tage später konnte auch seine Freundin, eine Kellnerin im Interhotel „Panorama“ in Oberhof, über Warschau und Helsinki fliehen. Ihr Bruder im Westen hatte den Kontakt zum BND geknüpft. Seine Frau und zwei Kinder ließ er in Ost-Berlin zurück.

          Als Stiller sieben Jahre später über seinen Übertritt ein Buch vorlegte, „Im Zentrum der Spionage“, kolportierte er die Legende, „über Jahre als Top-Agent für den Bundesnachrichtendienst tätig“ gewesen zu sein. In seinem neuen Buch nun bekennt er, seine Kontakte zum BND seinerzeit „auf Wunsch der Pullacher Kollegen“ verfälscht zu haben. „Heute, 20 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, kann ich erzählen, wie es wirklich war. Die Initiative ging nämlich von mir aus und nicht vom BND.“ Tatsächlich spionierte Stiller nur rund acht Monate für die Zentrale im Isartal. Aber er bewies gleichwohl Kaltblütigkeit und Mut. Sein Motiv wurzelte allerdings nicht in widerständiger Gesinnung. Abenteurertum war im Spiel und die Spekulation auf eine Perspektive im Westen. „Mit Pullachs Hilfe wollte ich die HV A von Innen aushöhlen, Substantielles an die andere Seite liefern.“

          Ganz so kam es hernach zwar nicht, doch fraglos hat er der Stasi-Spionage nachhaltig geschadet. Ohne Skrupel verriet er Namen und Strukturen der „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HV A), ihre Arbeitsmethoden, Schwerpunkte und Schwachstellen. Ein Glücksfall für den BND, dem er Tausende Blatt geheimer Akten und Materiallisten übergab. Er sorgte für ein Dutzend Festnahmen „im Operationsgebiet“ und zwang andere „Kundschafter an der geheimen Front“ zum Rückzug in die DDR. Schwer wog auch der psychologische Schaden, den er verursacht hatte: die Verunsicherung hauptamtlicher und inoffizieller MfS-Mitarbeiter. Fortan wucherte intern das Misstrauen. Immerhin war mit Stiller ein scheinbar zuverlässiger Kader verlorengegangen, der seine Sozialisation im DDR-Sozialismus erlebt, der Abitur gemacht und Physik studiert hatte, der noch während des Studiums Genosse der SED und MfS-Spitzel (IM „Stahlmann“) geworden war. 1972 trat er in die HV A ein - Sektor Wissenschaft und Technik -, Dienstrang Leutnant, später Oberleutnant. Und er wurde Sekretär der Abteilungsparteiorganisation.

          Und dieser Mann läuft zum „Klassenfeind“ über? Für Tschekisten wie Erich Mielke und Markus Wolf schier unbegreiflich. Während die Stasi-Fahndung nach ihm ebenso intensiv wie erfolglos lief, ermöglichte der BND ihm mit Hilfe der CIA im Herbst 1980 die Ausreise in die Vereinigten Staaten. Nach einem Studium in St. Louis (Business Administration) arbeitete Klaus-Peter Fischer, so seine neue Identität, als Banker und Börsenmakler in New York und London. Im Jahr 1990 sah er Deutschland wieder. Heute lebt er in Ungarn.

          Das intelligent verfasste Buch liest sich spannend wie ein Krimi. Der Autor, etwas selbstgefällig, bietet Einblicke in den Alltag der Stasi-Spionage aus der Erfahrung eines Führungsoffiziers. Besonders interessant sind dokumentierte MfS-Operativ- und Ermittlungsakten zum Fall Stiller, der unter der vielsagenden Deckbezeichnung „Schakal“ bearbeitet wurde.

          Werner Stiller: Der Agent. Mein Leben in drei Geheimdiensten. Ch. Links Verlag, Berlin 2010. 252 Seiten, 19,90 Euro.

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