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Gegenwartsdiagnosen : Mehr politische Streitschrift als Autobiographie

  • -Aktualisiert am

Johano Strasser im Februar 2009 in Düsseldorf Bild: dpa

Von Erinnerungen erwartet man gemeinhin (nostalgische) Rückblicke. Keine Regel ohne Ausnahme, wie Johano Strasser zeigt.

          4 Min.

          Schon viele Politiker schrieben ihre Erinnerungen. Otto von Bismarck etwa ließ seinen Ghostwriter so viele Änderungen einarbeiten, dass das Buch erst nach dem Tod des ersten Reichskanzlers erschien. Albert Speer gelang es mit seinen autobiographischen Schriften, die mit tatkräftiger Unterstützung durch Joachim C. Fest und Rudolf Augstein entstanden, seine Biographie weitgehend neu zu erfinden und vergessen zu machen, dass er während des Zweiten Weltkriegs zu den mächtigsten Führern des nationalsozialistischen Terrorregimes zählte und selbst wesentlich an dessen Verbrechen beteiligt war. Helmut Kohl, um einen dritten deutschen Politiker zu nennen, ließ seine Erinnerungen von einem Journalisten zu Papier bringen, bevor sich beide beim Erarbeiten des letzten Bandes entzweiten und sich öffentlich und juristisch bekriegten. So wenig vergleichbar die drei genannten Politiker mit Blick auf ihre politischen Überzeugungen und ihr Wirken und dessen Folgen sind, so weisen doch ihre Erinnerungen zwei Gemeinsamkeiten auf. Zum einen entstanden sie in Zusammenarbeit mit Vertrauten oder wurden gar ganz von diesen verfasst. Zum anderen zielten die jeweiligen Memoiren darauf ab, die Person des (vermeintlichen) Autors in die Zeitläufe einzuordnen und das eigene Wirken so in das öffentliche Erinnern einzuschreiben, wie der Autor selbst gesehen werden wollte.

          Von Letzterem ist bei der hier zu besprechenden Autobiographie des SPD-Politikers, Publizisten und Schriftstellers Johano Strasser wenig zu spüren. Der langjährige Juso-Spitzenfunktionär und spätere Vorsitzende von PEN Deutschland nutzt seine 2007 erstmals veröffentlichten und jetzt stark erweiterten Erinnerungen vor allem, um für seine heutigen politischen Überzeugungen zu werben, die der undogmatische linke Denker als linken Humanismus bezeichnet. Dabei setzt sich Strasser, Philosoph und Politologe, scharfsinniger Denker, versierter Schriftsteller und Publizist, offen mit Besonderheiten und Grenzen von autobiographischen Schriften und der Gefahr der retrospektiven Konstruktion einer gradlinigen biographischen Entwicklung auseinander. Immer wieder verweist Strasser auf seine Vergesslichkeit, entfaltet dann jedoch einzelne Erlebnisse geradezu mit schriftstellerischen Mitteln und bettet sie umgehend ein in eine analytisch scharfe Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um eine Brücke zu seinen Gegenwartsdiagnosen zu schlagen, wobei er auch selbstkritische Töne anklingen lässt.

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