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Gedanken eines Praktikers : Außenpolitik als Innenpolitik

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Pfeile auf einem Wegzeiger im Atrium des Auswärtigen Amt zeigen die Entfernung in Kilometer zu den unterschiedlichen Botschaften und Ämtern. Bild: Jens Gyarmaty

Aktiver Diplomat ist Volker Stanzel nicht mehr. Jetzt hat er Zeit zum Nachdenken. Gut so.

          Schon so mancher Krieg wurde an der Heimatfront verloren – logistisch, wirtschaftlich, nicht zuletzt politisch. Von der Antike an ist die Kriegsgeschichte voll an Beispielen. Sie ziehen sich bis in die Gegenwart – Vietnam und Irak sind hier nur die bekannteren Fälle. Auch friedlichere Versuche der Durchsetzung des Willens einer Regierung gegenüber einer anderen oder auch von mehreren Regierungen gegenüber einer oder mehreren anderen sind oftmals gescheitert, wenn es keine ausreichende Unterstützung daheim gab. Über einen längeren Zeitraum hinweg konnte bislang nur derjenige außen- und sicherheitspolitisch erfolgreich sein, der sein Denken und Handeln innenpolitisch absicherte. Diese Erfahrung machen über kurz oder lang auch undemokratische Regierungsformen. Für Demokratien gilt dies umso mehr.

          Welche Folgen es hat oder haben kann, wenn man diese historischen Lehren ignoriert, lässt sich bei Volker Stanzel verinnerlichen. Der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, der an der Stiftung Wissenschaft und Politik forscht und an der Hertie School of Governance unterrichtet, kommt aus der politischen Praxis: Unter anderem war er Politischer Direktor des Auswärtigen Amtes sowie Botschafter in Peking und Tokio. Entsprechend in der Realität geschult wirkt sein Blick auf Politik und Diplomatie.

          Selten dürften derart nüchtern und pointiert zugleich wie bei Stanzel die Entwicklungen in der deutschen und europäischen Außenpolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschrieben worden sein: Die Macht der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion während des Kalten Krieges sieht er als so solide gegründet, dass kein Europäer mehr zu sein habe hoffen dürfen als Verbündeter einer der beiden Seiten und vielleicht Kommentator. In dem Winkel der Weltpolitik, der nun für Jahrzehnte Schauplatz europäischer Außenpolitik geworden sei, habe man mehr oder weniger lustvoll mit neuen Ideen experimentieren können. Die europäische Einigung – nach so vielen vergeblichen Versuchen, sie im Dienst der Ausdehnung von Herrschaft mit bewaffneter Gewalt zu erreichen – war in Stanzels Augen ein Ergebnis solcher Experimente. Ein anderes sei die Orientierung europäischer Regierungen an der Suche nach multilateraler Übereinstimmung gewesen.

          Im Fall der Bundesrepublik verkörpern derlei Experimente nach Stanzels Definition vor allem Adenauers Politik der Westbindung und der Aussöhnung sowie Brandts Entspannungs- und Ostpolitik. Diese Politik habe Deutschland schließlich zurück auf die Bühne der Weltpolitik geführt – und mit ihm ganz Europa, denn der Fall des Eisernen Vorhangs und die grell aufscheinende Implosion des Sowjetblocks hätten die Welt als Ganzes verändert.

          Diese westliche Erfolgsgeschichte bildet gleichsam die Folie, vor deren Hintergrund bei Stanzel überaus deutlich wird, warum die gegenwärtige Außenpolitik Deutschlands auf immer mehr Beobachter ratlos bis orientierungslos wirkt. Ihm geht es darum, zu beleuchten, welche Konsequenzen ältere außenpolitische Erfolge wie die der Bundesrepublik für jüngere Entwicklungen haben können: Menschen lernten aus Erfolgen wie aus Misserfolgen. Wenn aber die Erfolge geradezu einzigartig seien, dann liege es nahe, die zugrundeliegende politische Strategie konsequent weiter anzuwenden – vielleicht so lange, bis der Krug zu lang zum Brunnen gegangen sei. Es solle daher niemanden verwundern, wenn Deutschland sich im international mit Beifall bedachten Glückszustand auch weiter wie bisher verhalten habe.

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