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Frauen in der Politik : Ihren Stimmen Gehör verschaffen

Allein unter Männern: Ministerin Renate Schmidt als Mitglied der Regierung von Kanzler Gerhard Schröder. Bild: Imago

Das brächte womöglich nicht mal Donald Trump fertig: Geschichten aus der „Bonner Republik“

          4 Min.

          „In dieser Republik ist Frauenpolitik ein Bohren harter Bretter. Wir haben noch viel zu tun. Wir Frauen in allen Parteien können uns noch nicht in allen Parteien durchsetzen. (. . .) Ich gebe erst Ruhe (. . .), wenn es fünfzig Prozent sind.“ Es war die erste Rede der jungen SPD-Abgeordneten Renate Schmidt im Januar 1981 im Bundestag. Der Frauenanteil im Bundestag lag damals bei 8,5 Prozent, Schmidts Forderung schien unerhört. Erst ein Sitzstreik von CDU-Frauen vor dem Kabinettssaal hatte Konrad Adenauer 1961 überhaupt dazu gebracht, Elisabeth Schwarzhaupt zur ersten Ministerin der Bundesrepublik zu berufen. 1985 war es ein großer Erfolg für die Frauen-Union, dass Rita Süssmuth und damit eine zweite Frau ins Kabinett rückte. Die großen Männer dieser Zeit waren sich einig, dass Politik nichts für Frauen sei.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Was diejenigen aushalten mussten, die sich trotzdem hineinwagten, hat der Journalist Torsten Körner zusammengetragen. „In der Männer-Republik – Wie Frauen die Politik eroberten“ erzählt von Frauen, „die den ihnen zugewiesenen Platz verlassen haben“, „die Politikerinnen wurden, um sich und ihren Stimmen Gehör zu verschaffen“, so beschreibt Körner seine Protagonistinnen. Es ist verdienstvoll, dass der Autor selbst Politikerinnen Gehör verschafft, die teils in Vergessenheit geraten sind, obwohl sie diese Republik mitgeprägt haben. Sie haben harte Kämpfe ausgetragen, Widerstände überwunden und dadurch späteren Generationen von Frauen den Weg geebnet.

          Die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer erzählt, wie sie im April 1970 im Hosenanzug ans Rednerpult des Bundestags trat. Sie war die erste Frau, die sich das traute. Eigentlich trug von Bothmer nie Hosen, aber sie fühlte sich von den männlichen Kollegen herausgefordert, die der Meinung waren, eine Frau in Hosen beschädige die Würde des Hohen Hauses. Richard Jaeger, der damalige Bundestagsvizepräsident von der CSU, hatte mehrfach verlauten lassen, er werde keine Frau mit Hose im Bundestag dulden. Als von Bothmer es trotzdem wagte, fing der Saal an zu lachen und zu krakeelen. Man möge doch das Licht ausmachen, hieß es. Die Abgeordnete erhielt hinterher eine Flut von Briefen, manche mit Gratulationen, aber auch viele Beschimpfungen und Drohungen: „Sie sind ein unanständiges, würdeloses Weib!“, „Sie sind eine ganz disziplinlose Person“, „Armes Deutschland! So tief bist Du gesunken mit Deinen Parteiweibern“, „Nächstens kommen Sie wohl oben ohne!“, „Sie Schwein, Sie.“ Sexistische Schmähungen gehörten nach den Berichten der Politikerinnen zum Alltag der Bonner Republik. Die FDP-Abgeordnete Helga Schuchardt erinnert sich an den Spruch eines männlichen Kollegen: „Das einzig Weibliche an der Politikerin ist die Legislaturperiode.“ Doch viele Politikerinnen hatten noch kein Mittel gefunden, sich gegen Belästigungen zu wehren. Auch das kann Schuchardt erzählen: 1976 fuhr ihr der CSU-Politiker Richard Stücklen, der kurz darauf Bundestagspräsident werden sollte, mit dem Daumen über den Rücken. Auf ihre Frage, was das denn gewesen sei, sagte er: „Wir haben gewettet. Trägt sie einen BH oder trägt sie keinen?“ Nachdem die „Zeit“ über den Vorfall berichtetet hatte, war nicht Stücklen beschämt, sondern Schuchardt. Sie suchte ihn auf und entschuldigte sich, dass daraus eine Schlagzeile geworden sei. „Das hat mein liberales Image gestärkt“, antwortete ihr ein grinsender Stücklen. Die meisten Frauen aus Union, SPD und FDP, die Körner zu Wort kommen lässt, sind sich einig, dass es damals karrierehemmend gewesen wäre, sich über sexistische Vorfälle auszulassen. Aus heutiger Sicht erscheint es vielen als Fehler, sich nicht gewehrt zu haben.

          Die sexistischen Angriffe auf grüne Abgeordnete beschreibt Körner als besonders heftig. Gabriele Potthast, die damals jüngste Abgeordnete im Bundestag, musste sich 1983 im Plenum des Bundestags anhören: „Die ist auch besser im Bett als hier im Parlament.“ Die grünen Frauen schossen zurück, provozierten, brachen Tabus. In der Debatte über die Bestrafung von Vergewaltigung in der Ehe – damals noch straffrei –, beschrieb Waltraud Schoppe die Ehe als Schauplatz gewaltsamer Unterdrückung der Frau und bescheinigte den Unionsabgeordneten politische Mittäterschaft. Doch auch in ihren eigenen Reihen hatten die Grünen einen „Busengrapscher“: Klaus Hecker war Mitglied der ersten grünen Fraktion, musste den Bundestag aber daraufhin wieder verlassen. Die Häme in den anderen Parteien war groß. Als Schoppe sich an alle Parlamentarier mit der Forderung wandte, „den alltäglichen Sexismus hier im Parlament einzustellen“, schlugen ihr schallendes Gelächter entgegen und Sätze wie „Mit dir will ja sowieso keiner pennen.“

          Körners 360 Seiten lange Geschichte der Bonner Republik lebt von solchen Anekdoten, viele sind schauerlich, manche amüsant. Zusammen eröffnen sie eine neue, lehrreiche Perspektive auf die Jahre zwischen der Gründung der Bundesrepublik und dem Umzug nach Berlin. Die Berichte der Politikerinnen, mit denen sich der Autor getroffen hat, stehen für sich. Unnötig und zuweilen sogar störend ist daher Körners eigene Entrüstung, zum Beispiel wenn er rügt, dass die Straßen, die nach wichtigen Politikerinnen benannt sind, nicht das Bonner Regierungsviertel kreuzen, sondern im Neubaugebiet in Bonn-Ückesdorf liegen, und dass Anwohner noch nicht einmal wissen, wer die Frauen hinter den Namen sind. Möglicherweise hat es etwas damit zu tun, dass ein männlicher Autor versucht, die weibliche Perspektive zu vermitteln. Im Vorwort schreibt Körner: „Wer als Mann die Chance hat, die Grenzen des eigenen Geschlechts und Denkens im Dialog mit dem anderen zu begreifen, auch zu verstehen (. . .), welche Gewalt von Männern bewusst oder unbewusst ausgeht, sollte diese Möglichkeit nutzen.“

          „In der Männer-Republik“ schärft den Blick auf die gegenwärtige Situation von Frauen im politischen Betrieb. Die Bonner Republik war eine andere Zeit, aber tatsächlich liegen die Erlebnisse der Protagonistinnen nicht sehr lange zurück. Viel haben die Frauen seither erreicht, einiges steht noch aus. Nun plant sogar die CDU eine Frauenquote: zunächst dreißig Prozent der Vorstandsämter, von 2025 an 50 Prozent. Sollte es tatsächlich so kommen, könnte Renate Schmidt Ruhe geben.

          Helene Bubrowski

          Torsten Körner: „In der Männer-Republik – Wie Frauen die Politik eroberten“.

          Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln 2020. 368 Seiten, 22,– .

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