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Frauen in der Politik : Ihren Stimmen Gehör verschaffen

Die sexistischen Angriffe auf grüne Abgeordnete beschreibt Körner als besonders heftig. Gabriele Potthast, die damals jüngste Abgeordnete im Bundestag, musste sich 1983 im Plenum des Bundestags anhören: „Die ist auch besser im Bett als hier im Parlament.“ Die grünen Frauen schossen zurück, provozierten, brachen Tabus. In der Debatte über die Bestrafung von Vergewaltigung in der Ehe – damals noch straffrei –, beschrieb Waltraud Schoppe die Ehe als Schauplatz gewaltsamer Unterdrückung der Frau und bescheinigte den Unionsabgeordneten politische Mittäterschaft. Doch auch in ihren eigenen Reihen hatten die Grünen einen „Busengrapscher“: Klaus Hecker war Mitglied der ersten grünen Fraktion, musste den Bundestag aber daraufhin wieder verlassen. Die Häme in den anderen Parteien war groß. Als Schoppe sich an alle Parlamentarier mit der Forderung wandte, „den alltäglichen Sexismus hier im Parlament einzustellen“, schlugen ihr schallendes Gelächter entgegen und Sätze wie „Mit dir will ja sowieso keiner pennen.“

Körners 360 Seiten lange Geschichte der Bonner Republik lebt von solchen Anekdoten, viele sind schauerlich, manche amüsant. Zusammen eröffnen sie eine neue, lehrreiche Perspektive auf die Jahre zwischen der Gründung der Bundesrepublik und dem Umzug nach Berlin. Die Berichte der Politikerinnen, mit denen sich der Autor getroffen hat, stehen für sich. Unnötig und zuweilen sogar störend ist daher Körners eigene Entrüstung, zum Beispiel wenn er rügt, dass die Straßen, die nach wichtigen Politikerinnen benannt sind, nicht das Bonner Regierungsviertel kreuzen, sondern im Neubaugebiet in Bonn-Ückesdorf liegen, und dass Anwohner noch nicht einmal wissen, wer die Frauen hinter den Namen sind. Möglicherweise hat es etwas damit zu tun, dass ein männlicher Autor versucht, die weibliche Perspektive zu vermitteln. Im Vorwort schreibt Körner: „Wer als Mann die Chance hat, die Grenzen des eigenen Geschlechts und Denkens im Dialog mit dem anderen zu begreifen, auch zu verstehen (. . .), welche Gewalt von Männern bewusst oder unbewusst ausgeht, sollte diese Möglichkeit nutzen.“

„In der Männer-Republik“ schärft den Blick auf die gegenwärtige Situation von Frauen im politischen Betrieb. Die Bonner Republik war eine andere Zeit, aber tatsächlich liegen die Erlebnisse der Protagonistinnen nicht sehr lange zurück. Viel haben die Frauen seither erreicht, einiges steht noch aus. Nun plant sogar die CDU eine Frauenquote: zunächst dreißig Prozent der Vorstandsämter, von 2025 an 50 Prozent. Sollte es tatsächlich so kommen, könnte Renate Schmidt Ruhe geben.

Helene Bubrowski

Torsten Körner: „In der Männer-Republik – Wie Frauen die Politik eroberten“.

Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln 2020. 368 Seiten, 22,– .

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