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Franz von Papen 1933/34 : Vizekanzlei-Gruppe gegen Hitler

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„Wir sind mitverantwortlich, dass dieser Kerl an die Macht gekommen ist. Wir müssen Hitler wieder beseitigen“, soll Jung schon im Frühjahr 1933 gesagt haben. Denn sie sahen die Verbrechen von Anfang an und sahen, wie ihr „Chef“ von Hitler rasant ausgebootet wurde, wie Reichstagsbrand-Verordnung und Ermächtigungsgesetz als „informelle Grundgesetze“ den Weg in die totale Diktatur ebneten. Papen sah das alles nicht. Doch er ließ sich nicht nur von Hitler manipulieren, sondern wohl auch von seinen Vertrauten. So gelang es der in der alten Bürokratie der Reichshauptstadt gut vernetzten Gruppe, die Etablierung der Vizekanzlei als Behörde durchzusetzen – mit kleinem, aber von Hitlers Reichskanzlei unabhängigem Etat. Die Gruppe machte die Vizekanzlei zur „Klagemauer des Dritten Reiches“, half diskret Bedrängten und Verfolgten mit Hinweisen, Pässen, Geld, rettete zwischen 900 und 1600 Menschen aus Gestapo-Kellern und KZ.

Hinter dem Tarnmantel der Vizekanzlei begannen sie ein weitverzweigtes oppositionelles Netzwerk zu knüpfen, um potentielle Mitstreiter gegen Hitler zu gewinnen, das am Ende über 60 Personen in Militär, Verwaltung, Wirtschaft umfasste. Vor allem setzten sie auf den neu installierten Chef der Heeresleitung, Generaloberst von Fritsch, und auf Theodor Duesterbergs „Stahlhelm-Männer“ (1,5 Millionen) als Gegengewicht zur Millionenmiliz der SA. Die Krise im Sommer 1934 heizte die Gruppe gezielt mit einer zwischen den Zeilen regimekritischen Rede Papens in Marburg an.

Doch das Momentum verstrich ungenutzt. Das Regime holte zum blutigen Gegenschlag aus – Edgar Jung und Herbert von Bose gehörten am 30. Juni beziehungsweise 1. Juli zu den Opfern der Staatsmorde im Zuge der Niederschlagung des angeblichen „Röhm-Putsches“, während Papen unter Hausarrest stand, die Vizekanzlei von einer Abteilung der „Leibstandarte Adolf Hitler“ besetzt und die meisten Mitarbeiter verhaftet worden waren. Ketteler fuhr, unglaublich mutig, nach Ostpreußen und brachte über Umwege den Reichspräsidenten von Hindenburg tatsächlich dazu, die Einstellung der Erschießungen anzuordnen – was Hitler befolgte. Noch am gleichen Tag wurden in Papens Dienstsitz – Boses Blutlache war noch sichtbar – unter Albert Speers Anleitung die Wände durchbrochen und der Anschluss an die Reichskanzlei hergestellt. Die Vizekanzlei gab es nicht mehr.

Die Gründe für das Scheitern der Gruppe sind vielfältig. Sie liegen auch an der Ungeschicklichkeit der Verschwörer. Sie konnten ihren Mund nicht halten, gaben sich sogar vor Hitler als Gegner des Nationalsozialismus zu erkennen, neigten zur Selbstüberschätzung. Jung sah sich als Nachfolger des Diktators und Retter Deutschlands. Hinzu kam die Hinfälligkeit Hindenburgs, der bereits im Juni und nicht erst im Juli nach Ostpreußen aufgebrochen war und in Berlin nicht mehr als potentieller Deus ex Machina zur Verfügung stand. Weiter spielte die Unfähigkeit Papens eine Rolle, der es nach seiner Marburger Rede unterließ, sofort Hindenburg gegen das Regime zu aktivieren – und Hitlers Geschick, ihm dies auszureden. Die geheime Kooperation zwischen Reichswehr und SS hatten die Verschwörer ebenso übersehen wie die mangelnde Bereitschaft ihrer angeblichen Verbündeten zum Aufstand gegen das NS-Regime, besonders von Militärs wie Fritsch.

Einen wesentlichen Punkt lässt Orth gänzlich außen vor: die Popularität Hitlers. Der „Führer-Mythos“ hatte längst machtvoll zu wirken begonnen, und die allermeisten Deutschen waren bereit, über die als „Staatsnotwehr“ dürftig verbrämten hundert Staatsmorde des Sommers 1934 hinwegzusehen. Carl Schmitts groteske Feststellung „Der Führer schützt das Recht“ entsprach dem verbreiteten Meinungsbild. Papen ließ sich nach den Morden von Hitler überreden, als Botschafter nach Wien zu gehen, und nahm die gefährdeten Ketteler und Tschirschky mit. Letzterer flüchtete 1935 nach England, überlebte als einziger der Gruppe. Ketteler wurde 1938 gleich nach dem deutschen Einmarsch in Wien verschleppt und umgebracht. Papen hielt die Grabrede – und ging als Hitlers Botschafter in die Türkei. Als Leser fragt man sich am Ende bedrückt: Was wäre Deutschland und der Welt nicht alles erspart geblieben, hätte diese kleine Vorhut des späteren konservativen Widerstands 1934 Erfolg gehabt?

Rainer Orth: „Der Amtssitz der Opposition“? Politik und Staatsumbaupläne im Büro des Stellvertreters des Reichskanzlers in den Jahren 1933–1934. Böhlau Verlag, Köln 2016. 1118 S., 90,– €.

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