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Ferne Nachbarn : Wie wir wurden, was wir sind

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Lieblingsfeinde, Lieblingsitaliener: Don Camillo und Peppone - Filmszene von 1952 Bild: INTERFOTO

Interessante Vergleiche zwischen Deutschland und Italien.

          4 Min.

          „Ferne Nachbarn“ oder „Gleich und doch anders“ sind gängige Beschreibungsmuster, wenn von Deutschland und Italien die Rede ist. Während ein Golo Mann noch mit Pathos von den „Schicksalsschwestern“ Italien und Deutschland sprechen konnte, ist die jüngere Geschichtsschreibung nüchterner geworden. Allerdings bleibt sie unentschieden zwischen der Feststellung einer „parallelen Geschichte“ auf der einen Seite, die Deutsche und Italiener miteinander verbindet und in vielerlei Hinsicht ähnlich und vergleichbar macht, und auf der anderen Seite der Behauptung von „Sonderwegen“ hüben wie drüben, mit je ganz einzigartigen, unverwechselbaren Merkmalen des historischen Verlaufs in den beiden Ländern, so dass eigentlich nur Etappen von deren engeren oder distanzierteren Beziehungen rekonstruiert werden können, ohne komparatistischen Zugriff.

          Derweil favorisiert die italienische Geschichtsschreibung Modelle, die zur Betonung der Unvergleichbarkeit der eigenen nationalen Geschichte tendieren, und zwar nicht zu deren Glorifizierung, eher im Gegenteil: um aus den Tiefen der Geschichte die Schwächen und Krisen der italienischen Gegenwartsgesellschaft herzuleiten.

          Der Vergleich im Allgemeinen und zwischen nationalen Kulturen im Besonderen bleibt für Historiker ein schwieriges Geschäft, aber was er an Erkenntnisgewinn ermöglicht, beweist Claudia Gatzkas Studie über Italien und die Bundesrepublik in den ersten gut drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Historikerin legt für diese Epoche eine Parallel- und Vergleichsgeschichte zwischen den beiden politischen Kulturen nördlich und südlich der Alpen vor, wobei ihr Ausgangspunkt die Frage nach dem Hineinwachsen der bundesdeutschen und der italienischen Bevölkerung in die parlamentarische Demokratie nach den Jahren von Diktatur und Krieg ist, konkret: nach der Art und Weise, wie in den beiden Ländern die Demokratie als Idee und als Praxis ankam, wie sie real erfahren und in politischer Kommunikation angewandt und erlebt wurde.

          Gatzka beabsichtigt nicht, zwei populäre Narrative mit Quellenmaterial zu unterfüttern, welche die bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte in einem bisweilen teleologischen Verständnis als „Erfolgsgeschichte“ der Demokratisierung präsentieren und umgekehrt die italienische Nachkriegsgeschichte als eine Dauer-Krisen-Geschichte mit absteigender Kurve schildern. Vielmehr interessiert sie sich für das konkrete Erleben und Einüben eines neuen Systems und neuer Werte, und daher schaut sie auf einen wichtigen Raum, in dem sich solche Lern- und Anwendungsprozesse verdichtet abspielten: auf die Stadt.

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