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Exil-Österreicher in Amerika : Nur ein brauner Spatz auf dem Heldenplatz

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Bild: Verlag Böhlau Wien

Im Office of War Information (OWI) der Vereinigten Staaten von Amerika waren gegen Ende des Krieges etwa 10 000 Personen damit beschäftigt, Angehörige der Wehrmacht und die deutsche Zivilbevölkerung propagandistisch zu infiltrieren. Unter ihnen waren etwa 400 Österreicher in der Minderheit.

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          Vor einigen Jahrzehnten wäre eine Dissertation über geistigen Widerstand – zumal von außen – noch kaum denkbar gewesen. Denn als „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ galt bis weit in die sechziger Jahre allein der Versuch, aus dem Zentrum der Macht heraus das NS-System zu stürzen. Dies hätten nur hohe Militärs, Verwaltungsbeamte und Diplomaten erreichen können. Folglich galten bewiesene Zivilcourage oder im Alltag gezeigte Widerständigkeit ebenso wie der Kampf von Emigranten, die „mit dem Gesicht nach Deutschland“ standen, kaum als Widerstand, bestenfalls als Regimegegnerschaft.

          Erst in den siebziger Jahren, mit der Kanzlerschaft von Willy Brandt, trat ein Wandel ein. Selbstbehauptung und Verweigerung, Hilfe für Verfolgte oder Proteste gegen Übergriffe, sogar die Desertion aus politischen Motiven ergänzten nun das immer breiter werdende Spektrum. Auch der Einsatz gegen das NS-Regime aus der Kriegsgefangenschaft und der, wie man sagte, „Kampf aus dem Exil“ wurden zunehmend respektiert. Interesse fanden schließlich „Anti-Nazis“, die sich als „umgedrehte“ Kriegsgefangene oder Emigranten den Alliierten zur Verfügung gestellt hatten. Ihre Aufgabe war, Gefangene zu verhören, die Propaganda der Alliierten zu unterstützen, Zweifel am Regime zu wecken und so den Abwehrwillen der Wehrmachtssoldaten zu schwächen. Viele dieser resistenten Propagandisten „in fremden Diensten“ prägten nach 1945 Kulturleben, Presse und Hörfunk, der als „Mund der Demokratie“ galt.

          Wie politisch diese Arbeit der aktiven Regimegegner unter den Publizisten war, welche Methoden erprobt wurden, um durch Rundfunksendungen, Flugblätter und Plakate die späteren Sieger zu unterstützen, macht eine Studie deutlich, die sich weitgehend auf bisher nicht erschlossene amerikanische Quellen beruft. Sie konkretisiert die zunächst nach 1945 zur Selbsterklärung von Passivität und Anpassungsbereitschaft dienenden Erklärungen eines praktizierten „geistigen Widerstands“ nicht nur überzeugend, sondern unterhaltsam – und sie befreit Begriffe, die in der Widerstandsforschung eigenartig schimmern wie das Schlagwort von der „inneren Emigration“ mit vielen Vorbehalten.

          Im Office of War Information (OWI) der Vereinigten Staaten von Amerika waren gegen Ende des Krieges etwa 10 000 Personen damit beschäftigt, Angehörige der Wehrmacht und die deutsche Zivilbevölkerung propagandistisch zu infiltrieren. Unter ihnen waren etwa 400 Österreicher in der Minderheit. Sie befanden sich in einer besonderen Lage, nachdem ihnen Ende 1943 mit der Moskauer Erklärung, einem glänzenden Propagandacoup der Alliierten, suggeriert wurde, Österreich verkörpere das erste von den Nationalsozialisten besetzte Land Europas. So rückten sie mit damals nicht geahnten außenpolitischen Folgen auf die Seite der Alliierten. Die Begeisterung der Mehrheit der „Ostmärker“, die der „Anschluss“ 1938 geweckt hatte, war seit 1942/1943 einer gewissen Skepsis gewichen. Spürbar wachsende Distanz zu den „Piefkes“ legte nahe, die mentalen Gegensätze zwischen Österreichern und den als Preußen bezeichneten Reichsdeutschen für die Kriegspropaganda zu nutzen.

          Die österreichische „Gemütlichkeitspropaganda“, die den Grinzinger Heurigen und Wiener Schrammelmusik beschwor, machte den Kern der sogenannten „weißen Propaganda“ aus, die nicht nur Informationen über den Kriegsverlauf bieten, sondern bestehende kulturelle Aversionen gegen die großdeutschen Machthaber befeuern sollte. Die internen Gegensätze innerhalb des zerstrittenen Exils wurden durch die Mitwirkung im OWI überbrückt, der Kern eines neuen österreichischen Staatsgefühls schien sich zu bilden.

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