https://www.faz.net/-gpf-9uhir

Europa : Vordenker und Schwärmer

  • -Aktualisiert am

Demonstration für Europa am 19. Mai 2019 in Leipzig Bild: dpa

Den Begriff gebrauchen viele. Aber was stellen sie sich unter „Europa“ konkret vor?

          4 Min.

          Den Begriff „Europäische Union“ mochte der russische Soziologe Jakov Novikov nicht verwenden. Er sei „schwankend und nichtssagend“, befand er, und er würde „die furchtsamen Geister noch mehr in Schrecken versetzen.“ Stattdessen sprach der umtriebige Wissenschaftler und Publizist, Starredner auf allen internationalen Friedenskongressen zwischen 1896 und 1903, lieber von der „Föderation Europas“. Er verstand darunter die Fortentwicklung der interparlamentarischen Kongresse zu einem „europäischen Direktorium“, das die Menschenrechte und europäischen Bürgerrechte garantiert, alle innereuropäischen Zölle beseitigt, eine „vollständige Gesetzgebung“ über das literarische, künstlerische und gewerbliche Eigentum ausarbeitet und ein Verfahren für friedliche Grenzänderungen entwickelt. In der Kulturgemeinschaft der Europäer, die über „tausend Bande“ vereinigt seien, sah er eine gute Voraussetzung für eine solche Föderation.

          Jakov Novikov ist einer von 61 Autoren aus sieben Jahrhunderten, die über Formen und Möglichkeiten des Zusammenlebens und Zusammenwachsens der europäischen Völker nachgedacht haben und in dem neuen Sammelband des emeritierten Aachener Politikwissenschaftlers Winfried Böttcher vorgestellt werden. Nicht alle sind in einem solchen Ausmaß in Vergessenheit geraten wie Novikov, der wohl von der deutschen Friedensbewegung rezipiert worden war, dann aber in den Polarisierungen des Großen Krieges und der Oktoberrevolution aus dem Blickfeld geriet. Bei manchen ist nur die europapolitische Dimension des Oeuvres wenig bekannt geworden, so bei Emmanuel Joseph Sieyès, der über ein Gleichgewichtssystem zur dauerhaften Befriedung Europas nachdachte, und bei Ludwig Börne, der vom Anschluss der Deutschen an ein freiheitliches Frankreich träumte. Bei einigen, so beim sozialdemokratischen Staatsrechtler Hermann Heller, ist die europapolitische Dimension des Oeuvres auch nur schwer zu erkennen.

          Natürlich fallen die Europa-Visionen vom 14. Jahrhundert bis zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die hier präsentiert werden, zeit- und geistesgeschichtlich bedingt denkbar unterschiedlich aus, und sie weisen auch unterschiedliche Tiefenschärfen auf. Allein schon deswegen dürfte es schwierig werden, sie allesamt als Impulse für ein Nachdenken über die Möglichkeiten weiterer Einigung Europas zu nutzen, wie Robert Menasse in einem emphatischen Geleitwort wünscht. Aber als Bausteine zu einer neuen Kulturgeschichte der Europa-Idee sind die Beiträge des Bandes willkommen. Vorstellungen vom friedlichen Zusammenleben und einer Beschränkung einzelstaatlicher Souveränität waren offensichtlich doch weiter verbreitet, als es eine national und nationalstaatlich geprägte Geschichtswissenschaft lange Zeit wahrhaben wollte.

          So ist etwa bei dem wissenschaftlichen Sozialisten Constantin Pecqueur zu entdecken, dass er nicht nur wichtige Erkenntnisse zur Entwicklung des modernen Industriekapitalismus formulierte, auf die dann Karl Marx in seinen Analysen zurückgriff. Er entwarf auch die Skizze eines „zentralen europäischen Machtzentrums, das für alle Lebensbereiche alle Gegengewichte verbindet, die ihm gefehlt haben, um in Sinne des Fortschritts und der Freiheit zu wirken.“ Dazu gehörten für ihn die Schaffung einer europäischen Armee, die den Friedensregelungen notfalls mit Waffengewalt Geltung verschafft und die Abrüstung der nachgeordneten Einzelstaaten ermöglicht, die Organisation eines freien europäischen Binnenhandels verbunden mit Ausgleichszahlungen an die wirtschaftlich schwächeren Länder und die Entwicklung einer „geistigen Macht“, die im Sinne des Fortschritts und der Freiheit orientierend wirkt. Erstaunlich modern muten auch die Instrumente an, mit deren Hilfe Pecqueur eine solche Friedensordnung herbeiführen wollte: Abbau der Zollschranken und Ausbau der Eisenbahnlinien, Schüler- und Studentenaustausch, systematisches Auslandsstudium, Bildung von lokalen Friedensgesellschaften, die internationale Begegnungen organisieren, Friedenserziehung durch Lehrende aller Bildungsstufen, Journalisten, Dichter und die Kirchen.

          Weitere Themen

          Schwarz-grüne Schelte für Merkel

          Laschet und Baerbock : Schwarz-grüne Schelte für Merkel

          In München macht Armin Laschet deutlich, wie er gegen die Populisten gewinnen will: mit großen Ideen für mehr Europa. Neben ihm sitzt Annalena Baerbock. Die beiden sind sich ziemlich einig.

          Topmeldungen

          Ein Eurofighter Typhoon auf der Farnborough Airshow nahe London im Juli 2018

          Konzernumbau : Airbus zerlegt die Rüstungssparte

          Die Folgen von Exportverboten für Waffen und verzögerte Großaufträge bekommt vor allem Deutschland zu spüren. 2400 Stellen will Airbus Defence abbauen. Und es soll einen neuen Jagdbomber geben.
          Vor mehr als 14 Jahren: Bloomberg am 1. Januar 2006 vor seiner zweiten Amtseinführung als New Yorker Bürgermeister

          Bilanz als Bürgermeister : Was kann Michael Bloomberg?

          Im Wettstreit um die demokratische Präsidentschaftskandidatur muss Bloomberg für rassistische Polizeitaktiken in New York Abbitte leisten. Doch auf seine Amtszeit als Bürgermeister ist er stolz. Zu Recht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.