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Der Westen : Scheitert das Projekt?

  • -Aktualisiert am

Der Historiker Heinrich-August Winkler am 21. September 2016 in Berlin Bild: dpa

Ein schillernder Begriff wird von einem großen Historiker mit Inhalt versehen.

          4 Min.

          Der Westen! Seit Jahren scheint er nur noch unterzugehen – zumindest auf dem Büchermarkt. Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Demokratiekrise, EU-Krise, Nato-Krise – zentrale Bereiche und Institutionen des Westens scheinen ohne den Zusatz „Krise“ gar nicht mehr beschreibbar, zumindest nicht zwischen zwei Buchdeckeln. Zwar hat sich auch Heinrich August Winkler mit der Zuspitzung der Flüchtlingskrise in Europa 2015 dem Geleitzug von Krisen-Büchern angeschlossen und seine „Zerreißproben“ Deutschlands, Europas und des Westens insgesamt präsentiert. Aber bereits zwei Jahre später gab der Berliner Historiker auf seine selbstgestellte Frage „Zerbricht der Westen?“ mit dem Untertitel „Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“ eine Antwort, die das aktuelle Geschehen wohltuend in einen größeren Zusammenhang einordnete.

          Eben darin ist er besonders gut – in der Einordnung, in der Erklärung. Im Gegensatz zu so manchem Illuminierer angeblich kurz bevorstehender Untergänge des Westens hat sich Winkler über viele Jahre erst einmal mit dem Werden, mit dem Aufstieg von Amerika und Europa beschäftigt. Dadurch hat er ein stark ausgeprägtes Gespür für die Grundlagen und Voraussetzungen der westlichen Erfolge entwickelt. Dass für diese lange Wege zurückzulegen waren, hat bereits sein Standardwerk über die Weimarer Republik gezeigt, gefolgt von seinen Bestsellern zum Weg und zur Geschichte des Westens.

          Nun ist Winkler zurück – mit einer Art „Best of“ seiner Beschreibungen der westlichen Welt. Bei ihm umfasst allerdings auch die Zusammenfassung der großen Linien seiner schon von ihrem Umfang her monumentalen Werke beinahe tausend Seiten. Für diese „Straffung“ macht er direkt zu Beginn die Notwendigkeit eines Verzichts auf eine „flächendeckende“ Darstellung geltend. Er beschränkt sich nun mehr oder weniger auf fünf Länder des transatlantischen Westens, die auch seine Gegenwart wie Zukunft stark prägen dürften: die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Winkler das östliche Mitteleuropa oder die einstigen britischen Siedlungskolonien Kanada, Australien und Neuseeland vollkommen außen vor lässt – wie sollte man auch ohne sie die Geschichte Amerikas und Europas verstehen können?

          Winkler bleibt bei seiner klassischen Definition des „Westens“. Für ihn ist er weiterhin der aus dem mittelalterlichen Okzident, dem lateinischen Europa oder dem Europa der Westkirche hervorgegangene, durch gemeinsame kultur-, sozial- und rechtsgeschichtliche Tradition geprägte Teil der Welt, in dem im Zuge der beiden atlantischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts, der Amerikanischen Revolution von 1775/76 und der Französischen Revolution von 1789, erstmals ein den „modernen“ Westen konstituierendes normatives Projekt formuliert wurde, eine politische Ordnung, die sich auf die Ideen der unveräußerlichen Menschenrechte, der Herrschaft des Rechts, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie gründet.

          Wer sich diesen ursprünglichen „Leistungskatalog“ westlicher Werte vor Augen führt, der dürfte rasch den Eindruck bekommen, dass sich die Gesellschaften des Westens der Gegenwart mindestens genauso stark von sich selbst herausgefordert sehen wie von außen, von Wirtschafts- und Herrschaftsformen mit einem anderen Leistungskatalog. Der Brexit, die Präsidentschaft von Donald Trump oder autoritäre Regime innerhalb der Europäischen Union stehen jeweils symbolisch für diese inneren Herausforderungen.

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