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Ethnische Konflikte am Balkan : Die Macht der Gewohnheit

Kriegsopfer: Forensiker in Zagreb untersuchen die Überreste Bild: Reuters

Ist der Balkan ein ewiger Unruheherd? Oder viel besser als sein Ruf? Der Schweizer Autor Cyrill Stieger geht der Frage nach.

          4 Min.

          Cyrill Stieger war jahrzehntelang Korrespondent und Redaktor der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) und hat sich kontinuierlich vor allem mit Osteuropa befasst. Seine umfassende Erfahrung ist gleichsam Teil des Versuchsaufbaus in seinem jüngsten Buch. Stieger will wissen, wie es an Brennpunkten der Jugoslawien-Kriege, die er als Berichterstatter in den Neunzigerjahren mit eigenen Augen gesehen hatte, heute aussieht. Wie leben kroatische Mehrheit und serbische Minderheit in Vukovar, drei Jahrzehnte nachdem die Stadt von Belgrads Armee in Schutt und Asche gebombt wurde? Wie steht es um das serbisch-albanische Nebeneinander in der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica im Kosovo? Wie kommen die Volksgruppen in Bosnien-Hercegovina, wo der blutigste der jugoslawischen Zerfallskriege tobte, heute miteinander aus? Um solche Fragen zu beantworten, bereiste Stieger nach einem Vierteljahrhundert oder noch längerer Zeit wieder Orte, die er im Krieg erlebt hatte. Seine Schilderungen von dort bettet er in umfangreiche Darstellungen der zeitgeschichtlichen Kontexte ein. Das Ergebnis ist ein aufschlussreiches Buch, geschrieben in jenem Stil unaufgeregter Sachlichkeit, der einst durchgängig für die NZZ prägend war.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          In seinem 2014 erschienenen Buch über die Geschichte der bosnischen Hauptstadt Sarajevo hatte der 2015 verstorbene Südosteuropa-Historiker Holm Sundhaussen betont, was nicht nur für eine Beschäftigung mit dem Balkan gilt: „Wer den Hass sucht, findet ihn, und wer das Miteinander sucht, findet es auch.“ Zu diesem Schluss kommt Stieger ebenfalls: „Wer Beweise für eine Verfestigung der ethnischen Trennlinien sucht, der findet sie“, schreibt der Autor, doch gelte eben auch: „Wer den Nachweis erbringen will, dass das Zusammenleben im Alltag gut funktioniert und die Leute über die ethnischen Trennlinien hinweg normal miteinander umgehen, wird ebenfalls fündig.“ So bietet die Bestandsaufnahme Stiegers, dem apodiktische Urteile fremd sind und der nuanciert, ohne zu relativieren, das differenzierte Bild einer Region, die in vielem besser ist als ihr schlechter Ruf, dem sie mitunter freilich dennoch gerecht wird.

          Bild: Rotpunkt Verlag

          In Vukovar geht Stieger der Geschichte einer mit Hilfsgeldern aus Norwegen geförderten Schule nach, in der kroatische und serbische Kinder gemeinsam unterrichtet werden sollten. Das Vorhaben scheiterte jedoch. Hier ist Stieger ausnahmsweise rasch mit einer Einschätzung bei der Hand: „Das Projekt scheiterte in erster Linie am Widerstand der lokalen Politiker“, heißt es bei ihm, wobei leider nicht ausgeführt wird, was genau die Politiker getan und gesagt haben sollen, um Eltern davon abzuhalten, ihre Kinder an der Schule anzumelden. „Die Bewohner sind weit pragmatischer als die meisten lokalen Politiker, die oft lieber Symbolpolitik betreiben, als die wirklichen Probleme der Bevölkerung anzupacken“, schreibt der Autor an anderer Stelle und belegt das mit Beispielen. Er schildert Nachbarn unterschiedlicher Ethnien, die problemlos miteinander auskommen und sich gemeinsam über ihre ständig streitenden gewählten Repräsentanten beschweren. Das wirft die Frage auf, „warum immer wieder Politiker gewählt werden, die genau das tun, worüber man sich beklagt“.

          Stiegers Buch wäre noch besser, wenn die Antworten auf diese naheliegenden Fragen darin ausführlicher ausgefallen wären. Eine Kenntnis der Methoden, mit denen sich nationalistische Parteien etwa in Bosnien Gefolgschaft sichern, ist schließlich zentral für das Verständnis ihres hartnäckigen Erfolgs. Stieger streift die Antworten allerdings meist nur. Er erläutert, dass „ethnonationale“ Parteien politische Institutionen, wirtschaftliche Netzwerke und auf diese Weise den Zugang zu Stellen in der Verwaltung, in staatsnahen Betrieben oder in Schulen kontrollieren. Angesichts mangelnder Verdienstmöglichkeiten in der Privatwirtschaft verleihe ihnen das große Macht, indem sie Posten nur an Loyalisten vergeben.

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