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„Erzähl mir vom Krieg!“ : Vier Frauen der Schreibfront

  • -Aktualisiert am

Schlüssel für ein Tagebuch Bild: Anna Jockisch

Matthias Sträßner seziert Tagebücher von Frauen, die den Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ in Berlin und den Beginn der Besatzungszeit beschrieben: Ruth Andreas-Friedrich, Ursula von Kardorff, Margret Boveri und Marta Hillers. Wie authentisch sind ihre Aufzeichnungen?

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          Im Mai jährt sich das Kriegsende in Europa zum siebzigsten Male - für Matthias Sträßner der Anlass, an seine Sendereihe im Deutschlandfunk vom Frühjahr 2005 mit dem Titel „Journalistinnen im Ausnahmezustand“ anzuknüpfen. Er seziert Tagebücher von Frauen, die den Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ in Berlin und den Beginn der Besatzungszeit beschrieben: Ruth Andreas-Friedrich, Ursula von Kardorff, Margret Boveri und Marta Hillers. Wie authentisch sind ihre Aufzeichnungen?

          Am härtesten fällt das Urteil über Ruth Andreas-Friedrich aus. In dem 1947 publizierten Tagebuch „Der Schattenmann“, das bis heute nicht mit der Originalvorlage verglichen werden darf, präsentierte sie sich als eine Art „Kaiserin des Widerstandes“. Immerhin hatte sie sich während der Zeit des Nationalsozialismus in der Gruppe „Onkel Emil“ mutig für politisch und rassisch Verfolgte eingesetzt. „Der sogenannte ,kleine‘ Widerstand fand nach dem Krieg nicht die ihm zustehende Anerkennung“, bemerkt Sträßner. Daher verwandelte sich eine mit dem Widerstand sympathisierende Beobachterin nachträglich zur Beteiligten.

          Mit den 1962 veröffentlichten „Berliner Aufzeichnungen“ legte Ursula von Kardorff auch die eigene Familiengeschichte vor. Ihr Vater war ein bekannter Maler und Professor an der Kunsthochschule, der eine Bürgerliche aus Lübeck geheiratet hatte, die in engem Kontakt mit dem Umfeld von Thomas Mann stand. Der alte Kardorff gehörte „zu den wenigen ,arischen‘ Künstlern“, die sich im Februar 1935 trauten, an der Beisetzung von Max Liebermann persönlich teilzunehmen. Ursula von Kardorff pflegte Verbindungen zu den widerständigen Familien Hardenberg, Hassell und Schulenburg, obwohl sie offiziell Propagandaartikel für die Heimatfront verfassen musste. Bei der Annäherung der aristokratisch-militärischen und der gewerkschaftlich-sozialdemokratischen Regimegegner war sie involviert und daher „deutlich mehr als ein ,Popel-Pünktchen im Widerstand‘, wie sie sich, freilich nur im Originaltagebuch, selbst einmal nennt“. Ihre „Aufzeichnungen“ entstanden größtenteils rückblickend nach dem Kriegsende.

          Margret Boveri, deren Eltern namhafte Zoologen waren (deutscher Vater, amerikanische Mutter), kehrte 1944 nach Berlin zurück und arbeitete für „Das Reich“. Als Auslandskorrespondentin der „Frankfurter Zeitung“ hatte die promovierte Historikerin zuvor aus Stockholm, New York und Lissabon berichtet. Ihre „Tage des Überlebens“, denen ihre Rundbriefe an Freunde von 1945 zugrundelagen, publizierte sie 1968. Dieser Chronik misst Sträßner weitgehende Authentizität bei, weil sich Boveri bei der Edition die allergrößte Strenge auferlegt habe: „Häufig vermerkt sie 1968 Unzutreffendes und Irrtümer, die sie im abgedruckten Original gleichwohl bewusst stehen lässt.“

          Zuletzt folgt die Analyse von „Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis zum 22. Juni 1945“, verfasst von der „Anonyma“ - mit englischsprachigen Ausgaben 1954/55 und deutschsprachigen von 1959 an, zuletzt und als Verkaufserfolg 2003. In jenem Jahr wurde auch die Identität der „Anonyma“ geklärt: die 1911 geborene und 2001 verstorbene Marta Hillers. Herausgegeben wurden die frühen Ausgaben von deren Freund Kurt W. Marek, der unter dem Pseudonym C. W. Ceram 1949 mit dem Archäologie-Bestseller „Götter, Gräber und Gelehrte“ reüssierte. In die Original-Skripte konnte niemand Einblick nehmen. Das deutschsprachige Buch von 1959 blieb „ohne größeres Echo“, denn es befremdete damals die deutschen Leser „um so mehr, als es von einer vergewaltigten Frau stammt, die ihre Erlebnisse überraschenderweise nicht weinerlich aus der Opferrolle erzählt, sondern zynisch und sarkastisch. Gefallene Mädchen in der Heimat scheinen der Autorin im Krieg auch nicht ungewöhnlicher als gefallene Soldaten an der Front.“ Die „Anonyma“ zeigte im Tagebuch „Mitgefühl für die deutschen Kindersoldaten“. Allerdings habe Marta Hillers „als Redakteurin für Lehrerzeitungen bis zuletzt zum Kinderkreuzzug aufgerufen“, mit „beträchtlichem und nachhaltigem Erfolg“. Dennoch habe Marek der „Anonyma“ in der ausländischen Ausgabe von 1954 „einen politischen Persilschein“ ausgestellt.

          Sträßners Resümee lautet: Wer authentisch lebt, kann am wenigsten authentische Tagebücher verfassen! Außerdem unterstellt er den vier Journalistinnen die Verlockung, „Vergangenheit nicht einfach nachzuerzählen, sondern auch nachzuinszenieren, denn die im Tagebuch nachgelesene Vergangenheit soll zu einer erlesenen werden“. Überhaupt gilt für viele Tagebuchschreiber Erich Kästners selbstkritisches Diktum von der Mitgliedschaft im „Selbstverschönerungsverein“.

          Matthias Sträßner: „Erzähl mir vom Krieg!“ Ruth Andreas-Friedrich, Ursula von Kardorff, Margret Boveri und Anonyma. Wie vier Journalistinnen ihre Berliner Tagebücher schreiben. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2014. 242 S., 36,- €.

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