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Erste Bilanz : Die Richter werden gerichtet

Kriegsverbrecher oder Held? Diese kroatischen Demonstranten sind sich im Fall von General Ante Gotovina ganz sicher. Bild: dapd

Die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im ehemailgen Jugoslawien ist offiziell beendet. Die Historiker fangen gerade erst an.

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          Im letzten Urteil seiner Geschichte verurteilte das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien im November 2017 Ratko Mladić zu lebenslanger Haft. Mit dem Urteil gegen den einstigen Militärführer der bosnischen Serben endete auch ein ungewöhnliches Kapitel der Rechtsgeschichte: der erste Versuch seit Nürnberg und Tokio, die Haupttäter eines Krieges juristisch zur Verantwortung zu ziehen. Anders als in Deutschland und Japan, wo Richter der Alliierten in kürzerer Zeit Urteile über größere Verbrechen fällten, dauerten im Haag viele Verfahren länger als die Kriege, die sie zum Gegenstand hatten. Die Angeklagten hatten in den Prozessen alle nur denkbaren Rechte. Von Siegerjustiz konnte keine Rede sein, obschon Verurteilte das natürlich oft behaupteten.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Andrej Zgonjanin, ein aus Zürich stammender Historiker mit ausgeprägtem Interesse für Militärgeschichte, hat nun den frühen Versuch einer zeitgeschichtlichen Bewertung des Haager Gerichts vorgelegt: Wie fundiert waren dessen Urteile, wie gut Richter und Ankläger mit der Materie vertraut? Zgonjanin analysiert dazu minutiös einige besonders wichtige Entscheidungen des Tribunals und geht auf historische wie militärische Hintergründe der jugoslawischen Zerfallskriege ein. Dabei schildert er, wie sich die Qualität des „ICTY“ (so das englische Akronym des Tribunals) nach mitunter peinlichen Anfängen ständig steigerte. Als das Tribunal 1993 durch den UN-Sicherheitsrat ins Leben gerufen wurde, verfügte es nur über ein Budget von kaum 300 000 Dollar, doch 1999, im Jahr des Kosovo-Krieges, waren es schon 100 Millionen. In den Jahren 2006/2007 standen dem Tribunal sogar mehr als 275 Millionen Dollar zur Verfügung.

          Anfangs war die Arbeit des Tribunals nicht nur pekuniär bescheiden. So war auf einem frühen Fahndungsplakat ein Angeklagter namens „Gruban“ ausgeschrieben – Nachname, Geburtsdatum, Geburtsort, Aussehen unbekannt. Das war kein Wunder, denn „Gruban“ ist eine Figur aus einem Roman des montenegrinischen Schriftstellers Miodrag Bulatović. Ein serbischer Journalist hatte sich einen Spaß daraus gemacht, amerikanischen Kollegen von Grubans Greueltaten vorzuflunkern und so erregte der vermeintliche Massenmörder das Interesse der Haager Anklagebehörde, die anfangs von dem südafrikanischen Juristen Richard Goldstone geleitet wurde. Angesichts der in Jugoslawien tatsächlich begangenen Untaten war es zwar ein geschmackloser Scherz, entblößte andererseits aber die Schwächen eines anfangs überforderten Gerichts.

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