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Erregte Debatten : Verständnis für Ehemalige

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Gedenkfeier in Oradour 2013 mit Überlebenden und den Präsidenten Hollande und Gauck Bild: Reuters

Die Buchstaben „SS“ stehen für schwerste Verbrechen. Die Angehörigen des „Ordens“ waren aber auch Gegenstand vieler Diskussionen - nicht immer zu ihrem Nachteil.

          Hitlers „Schutzstaffel“ bietet selbst über 70 Jahre, nachdem sie von den Alliierten zur „verbrecherischen Organisation“ erklärt wurde, Anlass für erregte Debatten. Dabei haben sich seit Mitte der fünfziger Jahre zahlreiche Historiker an der Frage abgearbeitet, wie diese Organisation und ihre Funktionäre wissenschaftlich zu beurteilen sind. Die wichtige Arbeit von Andreas Eichmüller, entstanden am Münchener Institut für Zeitgeschichte, widmet sich den heftigen Debatten, die in der jungen Bundesrepublik über die SS ausgetragen wurden. Der Verfasser, inzwischen Mitarbeiter am NS-Dokumentationszentrum in München, hat hierfür akribisch die deutsche Presselandschaft durchforstet und betrachtet die Entwicklung bis 1985, als Generationswechsel und politischer Klimawandel das Bild der SS in der Öffentlichkeit entscheidend veränderten. Eichmüller identifiziert mehrere Hochphasen der Debatten um die SS heraus: zu Beginn der fünfziger Jahre, dann wieder in den Jahren von 1960 bis 1965 und schließlich eine neue Welle am Ende der siebziger Jahre.

          Während die „Allgemeine SS“ nach Kriegsende so diskreditiert war, dass sich niemand ernsthaft mehr in irgendeiner Weise für sie stark machen konnte, war dies bei der Waffen-SS als ihr bewaffneter Arm anders. Diese Truppe hatte sich Ende 1939 herausgebildet, war propagandistisch als Hitlers Elitetruppe gefeiert worden und vor allem in der zweiten Kriegshälfte als „Feuerwehr des Ostens“ dargestellt worden.

          Zwischen 400 000 bis 500 000 dieser Männer hatten den Krieg überlebt. Die Mehrheit integrierte sich so geräuschlos, dass von diesem Prozess kaum Papierspuren zeugen. Eine beachtliche Minderheit jedoch machte öffentlich geltend, als „vierter Wehrmachtsteil“ neben Heer, Luftwaffe und Marine tapfer für Deutschland gekämpft und als „Soldaten wie andere auch“ gedient zu haben. In ehemaligen Generälen der Waffen-SS wie Felix Steiner und Paul Hausser hatten sie wortgewaltige Fürsprecher. Seit Anfang der fünfziger Jahre sammelten sich zudem zahlreiche Angehörige unter dem Namen „Hilfeleistung auf Gegenseitigkeit für Soldaten der Waffen-SS“ (HIAG). Diese Vereinigung repräsentierte trotz ihres Anspruchs und einer erstaunlichen Medienpräsenz keineswegs die ganze ehemalige Waffen-SS und zählte kaum mehr als 20 000 Ehemalige in ihren Reihen.

          Die Waffen-SS konnte anfangs auf heute erstaunlich anmutendes Verständnis zählen. Selbst der Publizist Eugen Kogon, der jahrelang im KZ Buchenwald verbrachte hatte und einige Jahre später einen Bestseller zum „SS-Staat“ vorlegte, gab 1947 zu bedenken, dass es gerade bei der Waffen-SS „riesige Unterschiede nach Schuld, Verantwortung, Aktivität, Anteilnahme, Duldung und Unschuld“ gebe. Der SPD-Parteivorsitzende Kurt Schumacher schrieb im Oktober 1951 an seinen Parteifreund Liebmann Hersch von der jüdischen Organisation „Der Bund“, Hunderttausende seien „ohne ihr Zutun“ eingezogen und „gegen ihr Wollen zur Waffen-SS abkommandiert worden.“ Sie seien inzwischen in eine „ausgesprochene Pariarolle“ geraten und würden „kollektiv haftbar“ für die „Verbrechen des SD und die Menschenvernichtungsaktionen“ gemacht, obwohl sie „als Waffen-SS kaum nähere Berührung damit hatten als andere Wehrmachtsteile“. Schumacher ging es darum, diese ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS, von denen er annahm, dass sie in ihrer überwiegenden Mehrheit der Ideologie abgeschworen hatten, in die Demokratie zu integrieren: „Zu jedem totalitären System hat es gehört, mit allen Methoden der Verstrickung ein Ergebnis der Mitschuld aller zu erzeugen.“ An einem 1951 stattfindenden Treffen zwischen Schumacher und Otto Kumm, dem letzten Kommandeur der „Leibstandarte Adolf Hitler“, nahm sogar Herbert Wehner teil. Ein durchaus typisches Zeugnis stellte der ehemalige Wehrmachts-Oberleutnant und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt bei einer HIAG-Diskussionsveranstaltung 1953 aus: Er sei zwar persönlich nie in Kontakt mit der Waffen-SS gekommen, müsse aber aus seiner Fronterfahrung sagen, dass er immer ein besonderes Gefühl der Zuversicht gehabt habe, wenn Divisionen der Waffen-SS neben seiner eigenen Einheit gelegen hätten. In der CDU gab es zwar, wie Eichmüller zeigt, vor allem anfangs größere Vorbehalte gegen die Waffen-SS als bei den Sozialdemokraten. Und doch gab Konrad Adenauer im Dezember 1952 im Bundestag eine Ehrenerklärung für alle „Waffenträger unseres Volkes“ ab, die ehrenhaft gekämpft hatten. Wenige Tage später ergänzte er diese „Ehrenerklärung“ in einem Brief an Paul Hausser durch den Hinweis, diese gelte auch für Angehörige der Waffen-SS, „soweit sie ausschließlich als Soldaten ehrenvoll für Deutschland gekämpft haben“.

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