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Erika Steinbachs Erinnerungen : Mit offenem Visier

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Erika Steinbach inmitten Egerländer Tracht Bild: ddp

Über die Vertreibung der Deutschen ist noch viel zu sagen: Erika Steinbach wehrt sich gegen Diffamierungen und die Relativierung von verletztem Menschenrecht.

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          Erika Steinbach ist eine Kämpferin. Jede Seite ihres Buches dokumentiert ihre Bereitschaft, gegen den Strom zu schwimmen: Zustimmend zitiert sie dieses - auch für sie geltende - Urteil aus Otto Schilys Trauerrede über Peter Glotz, ihren sozialdemokratischen Mitstreiter bei der Vorbereitung eines Zentrums gegen Vertreibungen, dem sie in diesem Buch ein Denkmal setzt. Sie ist aber eine Politikerin, die weiß: Nicht nur die Kontroverse gehört zu Demokratie, sondern auch der Kompromiss. Die Fähigkeit, zum rechten Zeitpunkt beides zu verbinden, macht ihre Durchsetzungsfähigkeit aus.

          So streitbar und umstritten sie auch ist, so spricht für sie die heute immer weniger zum politischen Repertoire gehörende beständige Wertorientierung politischen Handelns: Wollte man ihre politische Maxime benennen, die auch ein Kernthema des Buches ist, so lautet sie: Menschenrechte sind unteilbar, sie müssen immer und überall gelten.

          Sie wendet sich deshalb vehement dagegen, die Menschenrechte nur „opferspezifisch“ zu betrachten, wo doch die Würde eines jeden Menschen unantastbar ist. Daraus folgt für sie: Mitleid für die Opfer darf nicht hierarchisiert werden. Kein Opfer rechtfertigt ein anderes. Opfergruppen dürfen nicht gegeneinander instrumentalisiert werden.

          Nach dem Jahrhundert der millionenfachen Massenmorde, der massenhaften Verbrechen an ganzen Bevölkerungsgruppen ist auch ihr Ziel die Versöhnung. Doch kann sie nur durch Wahrheit erreicht werden. Daraus folgt eine weitere Maxime: Friedliche Koexistenz der europäischen Völker in der Zukunft ist ohne Aufklärung über die Vergangenheit nicht möglich.

          In dieser Abstraktion würde kaum jemand Erika Steinbach widersprechen, das Problem steckt in der Konkretion, nämlich dem Schicksal der 15 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches sowie deutschen Siedlungsgebieten in anderen Staaten.

          Die Politikerin wird flugs zur Historikerin und nennt immer Beispiele für die von ihr beklagte Unkenntnis. So enthalten zwei Kapitel sowie ein bevölkerungsstatistischer Anhang grundlegende Informationen über deutsche Siedlungen sowie Vertreibungen. Sie streut immer wieder Zeugnisse von Vertriebenen über ihre traumatischen Erfahrungen ein und zitiert ausführlich die schriftlichen Erinnerungen ihrer Mutter, für deren Text sie als junge Frau kein besonderes Interesse hatte.

          Warum dieser Zugang? Sie will zeigen, wie sie selbst - relativ spät - dazu kam, sich dem Schicksal der Vertriebenen zuzuwenden, mit dem sie als in Ostpreußen 1943 Geborene zunächst nur aufgrund der Kriegsfolgen und schwierigen Integration der Anfangsjahre, allerdings auch durch schlesische Verwandte in Berührung kam. Heimat aber war für sie kein Ort, sondern ihre Mutter. Wie es in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft die Regel war, galt auch das Mitgefühl von Erika Steinbach in den sechziger und siebziger Jahre den Opfern des Nationalsozialismus, ihre Bewunderung galt den Widerstandskämpfern. Konsequent engagierte sie sich gegen Antisemitismus und in deutsch-israelischen Gesellschaften.

          Dieser Hinweis ist wichtig: Der immer wieder gegen Frau Steinbach erhobene Vorwurf, sie versuche durch ihr Engagement für die Vertriebenen den Massenmord an den Juden oder andere Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands „zu relativieren“, ist ebenso abwegig wie die Behauptung, sie interpretiere das Vertriebenenschicksal ohne die entscheidende Ursache, den Zweiten Weltkrieg. Immer wieder findet sich in ihrem Buch der Hinweis, dass es ohne den vom nationalsozialistischen Deutschland begonnenen Krieg keine Vertreibung gegeben hätte.

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