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Eric Schlosser: Command and Control : Vorletzte Tage der Menschheit

  • -Aktualisiert am

Titan II Missile im Titan Missile Museum in Sahuarita, Arizona Bild: dapd

Eric Schlosser erzählt in seiner Geschichte der amerikanischen Atomwaffen auch von vielen spektakulären Unfällen, Pannen und Fehleinschätzungen.

          4 Min.

          Wenn es auf der Welt Atombomben geben muss, müssen wir die besten, die größten und die meisten haben.“ Diese kurz nach dem Ersteinsatz der Waffe aufgestellte Forderung eines hohen Militärs sollte in den folgenden vier Jahrzehnten zur Maxime der Rüstungsanstrengungen der Vereinigten Staaten werden. Washingtons komplexe Nuklearrüstung, die Militärstrategie im Kalten Krieg, Freigabe des Einsatzes und - insbesondere - welche Bemühungen es gab, diese Waffen zu kontrollieren, damit sie nicht durch einen Zufall, Fehler, Defekt oder unbefugten Eingriff gezündet werden können, sind Gegenstand der Studie des amerikanischen Journalisten Eric Schlosser.

          Im September 1980 kam es - ausgelöst durch Wartungsarbeiten - zur Explosion einer Titan-II-Rakete in ihrem Silo nahe Damascus/Arkansas. Der nukleare Sprengkopf detonierte dabei nicht und konnte geborgen werden. Eingebettet in die Geschichte dieses Unfalls erzählt Schlosser die Geschichte der Atomwaffen der Vereinigten Staaten von den Anfängen bis zur Gegenwart. Im Zentrum steht dabei die Phase des Kalten Krieges. Dabei richtet sich sein Blick insbesondere auf die Bemühungen oder Versäumnisse, die Sicherheit dieser Waffentechnik zu gewährleisten.

          Die Titan II war Amerikas größte ballistische Interkontinentalrakete und konnte einen nuklearen Gefechtskopf weiter als 10 000 km tragen. Mit neun Megatonnen betrug die Sprengkraft einer Rakete nahezu das Dreifache aller im Zweiten Weltkrieg abgeworfenen Bomben. Das Strategic Air Command (SAC) der US-Luftwaffe verfügte über insgesamt 54 Titan II, die von 1963 bis 1987 in verbunkerten Silos stationiert waren und eine Zeitlang das Rückgrat der nuklearen Abschreckung bildeten. Minutiös schildert Schlosser die Geschichte des Unfalls, ausgelöst durch ein Werkzeugteil, das beim Herunterfallen ein Leck in einen Treibstofftank schlug und fast eine nukleare Katastrophe verursacht hätte, aus den verschiedenen Perspektiven: der handelnden Soldaten im Silo, der Vorgesetzten beim SAC, der Wissenschaftler in den Labors der Hersteller und der Bevölkerung in den umliegenden Dörfern. Dabei richtet er den Fokus - etwa durch die Schilderung zahlreicher weiterer Unfälle - immer wieder auf die Frage der Sicherheit von Atomwaffen. Beginnend mit der Entwicklung der Waffe seit 1942 in den Labors von Los Alamos über den Ersteinsatz in Japan, das technische Gleichziehen der Sowjetunion, die Fortentwicklung zur Wasserstoffbombe werden jeweils auch Fragen der Militärstrategie und des Kriegsplans einbezogen.

          Als sich mit Beginn des Kalten Krieges frühe Überlegungen zur Ächtung von Atomwaffen als obsolet erwiesen, setzten die aufgrund der Demobilisierung konventionell unterlegenen Vereinigten Staaten im Rahmen der Politik zur Eindämmung des sowjetischen Machtbereichs auf die Nuklearrüstung. Dies geschah nicht zuletzt aus Kostengründen. Die „Bombe“ wurde zum festen Bestandteil aller Kriegspläne. Dies verschaffte dem SAC, das mit seinen Bombern und Raketen lange Zeit die Trägersysteme bereitstellte, unter dem Kommando des gefeierten Kriegshelden Curtis LeMay „überragende Bedeutung“. Schlosser beschreibt im weiteren Verlauf die Entwicklung der militärischen Pläne der Vereinigten Staaten und der Nato, die im Rahmen der Strategie der „massiven Vergeltung“ bei jedem sowjetischen Angriff einen umfassenden Nuklearschlag als Antwort vorsahen. Mit dem waffentechnischen Gleichziehen der Sowjetunion wurde diese Strategie des „Alles oder Nichts“, die angesichts der gefährlichen Krisen um Berlin und Kuba auch für Washington unkalkulierbare Risiken aufzeigte, zunehmend in Frage gestellt. Ab Mitte der sechziger Jahre bestimmte die Doktrin der „flexiblen Antwort“, die auf eine „kontrollierte Eskalation“ baute, das strategische Denken. Nun erhielten die Marine mit den nuklear bestückten Polaris-U-Booten und das mit taktischen Atomwaffen ausgerüstete Heer eine neue Rolle. Die Luftwaffe mit ihrem SAC verlor allmählich an Bedeutung. Schlosser beschreibt die verbissenen Kämpfe um die Ressourcen sowie um Macht und Einfluss zwischen den Teilstreitkräften. Es verschlägt einem fast die Sprache, wie aufgrund des Beharrungsvermögens der Militärs lange Zeit Pläne der politischen Administration blockiert oder modifiziert werden konnten.

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