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Enttäuschung II : Das Übermaß der Erwartungen

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Bild: Reuters

In der Demokratie muss man damit leben (lernen), mit den eigenen Vorstellungen nicht gleich durchzukommen.

          3 Min.

          Enttäuschung ist eine Grundbedingung menschlicher Existenz und nicht zu trennen von den Erwartungen, die ihr vorausgehen: Je mehr man erwartet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man enttäuscht wird. Sigmund Freud meinte sogar, das Leben, das uns auferlegt ist, sei grundsätzlich zu schwer für uns, denn es bringe „zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben“. Aber gilt das auch für die Politik? Und wenn ja, welche Folgerungen ergeben sich daraus, welche Schlüsse lassen sich ziehen?

          Dies war das Thema der Leibniz Graduate School „Enttäuschung im 20. Jahrhundert. Utopieverlust – Verweigerung – Neuverhandlung“, das zwischen 2012 und 2015 vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und dem Historischen Seminar der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität erforscht wurde.

          Enttäuschung stellt demnach nicht nur eine Kategorie historischer Erfahrung dar, sondern bestimmte auch maßgeblich die politische Kultur des 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt in Deutschland führte die Diskrepanz zwischen kollektiven Erwartungen und immer wieder eintretenden Enttäuschungen zu großen politischen Verwerfungen. Dies galt für die „unvollendete Demokratie“ von Weimar ebenso wie für die Massenwirksamkeit „nationalistischer Phantasien und Utopien“ im Nationalsozialismus, von denen Fritz Stern sagte, sie beruhten auf Enttäuschungserfahrungen, die weit in das 19. Jahrhundert zurückreichten. Und auch in der DDR wurde der „real existierende Sozialismus“ den hohen Erwartungen nicht gerecht, die viele ursprünglich damit verbunden hatten.

          In einem klugen und bemerkenswert unaufgeregten Buch über „Enttäuschung in der Demokratie“ hat Bernhard Gotto – einer der Mitarbeiter des Münchner Forschungsverbundes – die Entwicklung in der Bundesrepublik in den siebziger und achtziger Jahren untersucht. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war das „Übermaß der Erwartungen“ (Norbert Elias), das der „Machtwechsel“ von 1969 und die Kanzlerschaft Willy Brandts auslösten. Die Reformeuphorie, die daraus erwuchs, war noch in der Ära Kohl, wenn auch unter den neuen Vorzeichen einer „geistig-moralischen Wende“, spürbar. Anhand dreier Beispiele – der autonomen Frauenbewegung nach 1971, dem Mitbestimmungsgesetz von 1976 und der Diskussion über die Steuerreform der christlich-liberalen Bundesregierung ab 1982 – schildert Gotto, wie in diesen beiden Jahrzehnten „kollektive Erwartungshorizonte“ auf- und wieder abgebaut wurden und wie umgekehrt die Wahrnehmung und Artikulation kollektiver Enttäuschung die politische Kultur der Bundesrepublik prägte.

          Zwar gelangten die Planungseuphorie und der Zukunftsoptimismus der frühen siebziger Jahre bereits vor dem Ölpreisschock 1973 an ein rasches Ende. Doch einen „Strukturbruch“ oder gar das „Ende der Zuversicht“ bedeutete diese Entwicklung nach Auffassung Gottos keineswegs. Vielmehr konstatiert er ein „komplexes Nebeneinander“ von Aufbrüchen, Hoffnungen und Rücknahmen, bei dem Enttäuschungsäußerungen zugleich den „Appell zur Neuverhandlung“ enthielten und damit die „Basis für einen neuen Konsens“ bereiteten. So verfielen die Aktivistinnen der neuen Frauenbewegung keineswegs in Resignation, als die Fristenregelung bei der umstrittenen Reform des § 218 nach einer erfolgreichen Verfassungsbeschwerde der Opposition verworfen und durch ein Indikationsmodell ersetzt wurde. Vielmehr verarbeiteten sie ihre Enttäuschung, indem sie neue Projekte „mit ungebrochener Begeisterung“ angingen. Gotto spricht sogar von einer „revitalisierenden Kraft“, die den Strategien der Enttäuschungsverarbeitung innewohne.

          Auch beim Mitbestimmungsgesetz von 1976 bildete die Enttäuschung über den Abschied von Emanzipations- und Reformversprechungen den „zentralen Referenzpunkt“ für neue Erwartungshaltungen und kommunikative Strategien der Akteure. Nachdem der Arbeitnehmerflügel der SPD und die Gewerkschaften sich mit ihrer Forderung nach „voller Parität“ nicht hatten durchsetzen können, entfalteten sie bald neue Energien, die sich in den Mitbestimmungsdebatten der achtziger Jahre niederschlugen und ihren Höhepunkt in der großangelegten Mitbestimmungskampagne des DGB 1984 erreichten. Die intensiv geführte Diskussion über eine Steuerreform, die ebenfalls 1984 begann, zeigte schließlich, dass das Reformpotential in der Bundesrepublik nach dem Ende der sozialliberalen Koalition keineswegs erschöpft war, sondern dass auch unter der Regierung Kohl weiterhin Vertrauen in die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik bestanden – nur dass die Reformvorschläge jetzt, anders als unter den Vorgängerregierungen, mit konservativen Vorzeichen versehen waren. Statt um mehr Partizipation und Gleichberechtigung ging es nun um größere individuelle Autonomie und Leistungsgerechtigkeit.

          Die Studie von Bernhard Gotto verdient vor allem deshalb Beachtung, weil sie nüchtern die hohen Ansprüche bilanziert, die der Staat nach 1969 an sich selbst stellte – und an denen er sich dann auch messen lassen musste. Die Enttäuschungen, die daraus bei den engagierten Reformern resultierten, so Gotto, hätten jedoch zu keinem Zeitpunkt die Stabilität der Demokratie in der Bundesrepublik ernsthaft gefährdet. Vielmehr hätten sich „Aushandlungsmodi und Bewältigungsformen“ stets im Rahmen demokratischer akzeptierter Verfahren bewegt. Vor diesem Hintergrund warnt Gotto davor, ohne ausreichende Distanz zum Gegenstand vorschnell Zäsuren und Umbrüche auszumachen und von Zeitenwenden zu sprechen, die es, sobald die Hintergründe näher ausgeleuchtet werden, gar nicht gibt. Enttäuschung allein, so sein Resümee, „taugt nicht als Epochenlabel“.

          Bernhard Gotto: Enttäuschung in der Demokratie. Erfahrung und Deutung von politischem Engagement in der Bundesrepublik Deutschland während der 1970er und 1980er Jahre. De Gruyter Oldenbourg Verlag, München 2018. 402 S., 59,95 .

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