https://www.faz.net/-gpf-9lqua

Enttäuschung I : „Die DDR war auch Deutschland“

Bundeskanzler Helmut Kohl und Hans Modrow im Februar 1990 in Davos Bild: dpa

So wie es heute ist, hatte sich der ehemalige SED-Politiker „sein“ Deutschland nicht vorgestellt.

          Nein, eine Autobiographie ist das vorliegende Buch nicht, die hat Hans Modrow schon vor zwanzig Jahren unter dem Titel „Ich wollte ein neues Deutschland“ veröffentlicht. Doch Modrow ist eine der interessantesten Führungsfiguren der SED: Von der eigenen Partei mehr oder weniger kaltgestellt als langjähriger Bezirkssekretär in Dresden, galt er im Herbst 1989 als „Hoffnungsträger“, der die DDR reformieren könnte. Dazu war es in jeder Hinsicht zu spät, aber Modrow, für 150 entscheidende Tage vorletzter Ministerpräsident der DDR, blieb anders als fast alle seiner einstigen Genossen nach der Wiedervereinigung ein durchaus geachteter Politiker, saß für die PDS zunächst im Bundestag und später im Europaparlament. Inzwischen ist er 91 Jahre alt, lebt in Berlin zur Miete und fährt noch immer täglich mit der U-Bahn zur Arbeit in sein Büro im Karl-Liebknecht-Haus.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Dort führten die Autoren Oliver Dürkop und Michael Gehler auch einen Großteil der mehr als 50 Stunden dauernden Gespräche mit Modrow. Was ursprünglich als Zeitzeugengespräch über die Beziehungen zwischen Österreich und der DDR gedacht war, entwickelte sich zu einem fast 600 Seiten umfassenden Monumentalwerk über Modrows Sicht auf die DDR und ihren Untergang. Der Titel „In Verantwortung. Hans Modrow und der deutsche Umbruch 1989/90“ umfasst dabei nur einen Ausschnitt der Themen, die während der Treffen zur Sprache kamen; womöglich betrachtet Modrow das Buch auch als eine Art Vermächtnis, haben doch die von ihm 2017 im Andenken an seine verstorbene Tochter gegründete Modrow-Stiftung und auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung die Drucklegung unterstützt.

          Herausgekommen ist jedoch keine Eloge auf den Politiker, auch wenn die Überschrift des einführenden Kapitels ihn als „aufrichtigen und kampferprobten Sozialisten“ preist. Das Buch deshalb beiseitezulegen, wäre ein Fehler, denn es liefert vor allem in den fast 400 Seiten direkten Gesprächs zeithistorisch höchst interessante und bisweilen sehr persönliche Einblicke in ein Leben im 20. Jahrhundert, in die Machtverhältnisse der DDR sowie die Ereignisse, die zu ihrem Ende und zur Wiedervereinigung Deutschlands führten. Modrow gibt sich dabei sowohl standfest in seinen sozialistischen Idealen, aber auch als durchaus nachdenklicher und reflektierter Zeitzeuge. Er schwamm nie offen gegen den Strom, zählte aber auch nicht zu den Hardlinern, weshalb ihm einstige Funktionäre bis heute misstrauen, wie Egon Krenz, der 1989 fürchtete, Modrow könnte an ihm vorbei Honecker beerben.

          Modrow sagt, das sei nie sein Interesse gewesen. Zwar sei er ab Mitte der achtziger Jahre mehrfach von Sowjetfunktionären kontaktiert, aber nie direkt auf eine Nachfolge angesprochen worden. Er habe Honecker wegen seines Widerstands im Nationalsozialismus geschätzt, aber als Staatsmann für überfordert gehalten, er sei „immer der FDJ-Vorsitzende geblieben“. Für Walter Ulbricht findet Modrow lobende Worte, weil dieser an einem vereinten Deutschland – freilich unter sozialistischen Vorzeichen – festgehalten habe und den Sozialismus reformieren wollte, was schließlich Leonid Breschnew verhindert habe. Auf die Sowjetführer ist Modrow nicht gut zu sprechen, auch nicht auf Michail Gorbatschow, dem er Respekt zollt für Glasnost und Perestrojka, aber auch Wortbruch gegenüber der DDR vorwirft. Im Januar 1990 habe Gorbatschow mit ihm ein neutrales vereintes Deutschland abgesprochen, das aber nach Intervention der Amerikaner revidiert.

          Weitere Themen

          Huawei stellt neues 5G Handy vor Video-Seite öffnen

          Deutscher Release ungewiss : Huawei stellt neues 5G Handy vor

          Der chinesische Technikkonzern Huawei hat in München sein neues Smartphone „Mate 30“ vorgestellt. Wegen des Handelskonflikts zwischen den Vereinigten Staaten und China ist aber unklar, ob das Handy überhaupt jemals in Deutschland in den Handel kommen wird.

          Topmeldungen

          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
          Pendler auf der London Bridge

          Mobilität : Wie London die Verkehrsflut meistert

          Die größte Stadt Europas baut ihr Bahnnetz aus und nutzt Big-Data-Analysen, um die U-Bahn zu verbessern. Ein anderes Verkehrsmittel soll hingegen aus der City verbannt werden – und das schon diesen Sonntag.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          „Je suis climate“: Eine junge Frau protestiert fürs Klima.

          Bei Klimaprotesten : Ausschreitungen und Festnahmen in Paris

          Zerschlagene Fensterscheiben, brennende E-Scooter, geplünderte Geschäfte: In Paris haben sich Gewaltbereite unter Klimademonstranten gemischt und sich Gefechte mit der Polizei geliefert. Auch etliche „Gelbwesten“ zogen durch die Stadt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.