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Enttäuschung I : „Die DDR war auch Deutschland“

Aufschlussreich sind auch Modrows Schilderungen der Treffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl, mit dem er sich, nachdem er am 13. November 1989 mit einer Gegenstimme (der von Margot Honecker) zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, eine Art Rennen um den besten Weg zur deutschen Einheit lieferte. Modrow selbst war Kohl erstmals 1988 begegnet, als der Bundeskanzler privat den Süden der DDR und in Dresden auch ein Fußballspiel besuchte. Die Partei hatte Modrow jeglichen Kontakt mit Kohl verboten; Bilder (leider nicht im Band) zeigen, wie beide ein paar Reihen voneinander getrennt im Stadion sitzen. Modrow zufolge haben sie damals tatsächlich kein Wort miteinander gewechselt.

Gut ein Jahr später trafen sie sich offiziell als Regierungschefs in Dresden wieder. Kohl sei erstaunlich gut vorbereitet gewesen und habe fast alles aus Modrows Biographie gewusst. „Verdammt, dachte ich, was weißt du über Kohl?“, erzählt Modrow. „In gewisser Weise beschämte er mich, wenngleich mir klar war, dass dies mit Kalkül vorbereitet worden war.“ Schwächen einzugestehen ist für Modrow eine Frage der Haltung, und sie verleiht seinen Schilderungen Glaubwürdigkeit. Als er im Februar 1990 mit seiner Regierung Bonn besuchte, habe schon ein rauherer Wind geweht. So habe Kohl nicht mehr geschmeichelt, sondern ihn etwa angewiesen, Bürgerrechtler wie Matthias Platzeck, die der Regierung als Minister ohne Geschäftsbereich angehörten, zu maßregeln. Der Fahrplan zur Einheit stand da bereits fest. „Für Sie werden wir nach den Wahlen auch etwas finden“, habe Kohl ihm übergriffig zugeraunt. Dabei sei es Modrow darum gegangen, die Interessen der DDR zu wahren.

Der Band spart Kritisches nicht aus, darunter die Vorwürfe der Aktenvernichtung bei der DDR-Auslandsaufklärung, die in Modrows Amtszeit fällt, sowie Wahlfälschung in der DDR, für die er sich auch vor Gericht verantworten musste. Darüber hinaus enthält das Buch Anekdoten, darunter über die gut 20 Tonnen Gold, die Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski im Keller seines Imperiums hortete und die die Bundesbank übernahm, oder über das berühmte „Stern“-Interview des SED-Chefideologen Kurt Hager, in das Honecker Modrow zufolge persönlich den berühmten Satz „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ als Absage an Reformen in der DDR hineingeschrieben haben soll.

Dem Band hätte ein Lektorat gutgetan, bisweilen wirken die Gespräche wie eins zu eins vom Tonband transkribiert, was Doppelungen und sprunghafte Orts-, Zeit- und Themenwechsel zur Folge hat. Hier hätten die Autoren straffen und den Stoff ordnen müssen. Ihr Buch aber ist wichtig, weil es hilft, die Erfahrungen mit der Teilung des Landes nicht einseitig, sondern multiperspektivisch zu erzählen. Als die Autoren etwa „zu Honeckers Deutschland-Besuch“ im Jahr 1987 fragen, werden sie von Modrow umgehend korrigiert. „Honecker war zum Staatsbesuch in der Bundesrepublik. Die DDR war auch Deutschland.“ Das kann im 30. Jahr des Mauerfalls, in dem sich nach wie vor die Hälfte der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse sehen, nicht oft genug gesagt werden.

Oliver Dürkop/ Michael Gehler: In Verantwortung. Hans Modrow und der deutsche Umbruch 1989/90.

Studien Verlag, Innsbruck 2018. 584 S., 49,90 .

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