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Entmutigung : Nirgendwo ist es besser geworden

Bild: AFP

Wer erinnert sich noch an die Begeisterung über die „Arabellion“? Heute greift Depression um sich.

          Es liegen brauchbare Analysen der dramatischen Verwerfungen in der arabischen Welt vor. Sie erklären die Konflikte aus der Makroperspektive und machen so die zerstörerischen Prozesse verständlich. Oft geht bei einer derartigen Gesamtschau jedoch verloren, wie radikal sich auf der Mikroebene das Leben Einzelner verändert hat. Diese Lücke schließt der amerikanische Journalist Scott Anderson.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Anderson hat von 2003, als im Irak Saddam Hussein nach einem Einmarsch gestürzt wurde, bis 2016 sechs gewöhnliche Menschen, die für das Schicksal von Millionen stehen, begleitet und hat aufgeschrieben, wie Krisen und Kriege ihr Leben auf den Kopf gestellt haben. Er begleitete sie auf einem Lebensabschnitt, der sie an Punkte geführt hat, von denen sie nicht mehr in die verlorene Normalität zurückkehren werden. Die Schilderungen sind umso glaubhafter, als der Autor darauf verzichtet, Mitleid zu erzeugen. Er lässt allein Fakten und Ereignisse sprechen.

          Die sechs Personen stammen aus dem Irak, aus Syrien, Ägypten und Libyen. Im Irak hat er eine schiitische Frau, einen sunnitischen Mann und einen Kurden ausgewählt, in Syrien einen Mann aus der Rebellenhochburg Homs, in Ägypten eine Aktivistin und in Libyen einen jungen Mann aus Misrata, der unter Gaddafi im Gefängnis war.

          Von den sechs lebt heute allein der kurdische Arzt in einer relativen Sicherheit, die ihm die autonome Kurdenregion im Nordirak bietet. Tiefe Narben hat bei ihm der Krieg gegen den „Islamischen Staat“ hinterlassen; erschüttert ist er von einer Reise mit dem Autor in das Siedlungsgebiet der Jesiden, die Berge des Sindschar, zurückgekehrt, wo sie völlig zerstörte Städte gesehen haben und Geschichten von Verschleppung jesidischer Mädchen hörten. Er sagt: „Ein Irak gibt es nicht mehr. Syrien gibt es nicht mehr. Das ist unsere Zeit.“

          Ebenfalls noch in seiner Heimatstadt Misrata lebt der junge Libyer, der dort ein Studium begonnen hat. Anders als der kurdische Arzt hat er wenig Hoffnung. Denn Libyen, sein Land, entwickle sich zurück und habe keine Identität. Nicht brechen lassen will sich die Ägypterin aus der gebildeten Mittelschicht Kairos, die 2011 auf dem Tahrir-Platz demonstriert hat. Ihre zwei Kinder, eine Tochter und ein Sohn, beide Studenten, sind als Aktivisten jedoch in den Gefängnissen von Präsident Sisi verschwunden.

          Der junge Syrer, den Anderson begleitet hat, stammt aus Homs. Vor dem Krieg hatte es wenige Städte mit einer konfessionellen Vielfalt wie in der drittgrößten Stadt Syriens gegeben. Um sich dem Militärdienst zu entziehen, um also nicht als Syrer auf Syrer schießen zu müssen, floh er über die türkische Küstenstadt Bodrum auf die griechische Insel Kos. Von dort schlug er sich auf der Balkan-Route nach Deutschland durch, wo er heute in Dresden lebt und eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen hat.

          Möglicherweise tot ist indessen der junge sunnitische Iraker aus Tikrit, der Heimatstadt Saddam Husseins. Er hatte sich vom „Islamischen Stadt“ rekrutieren lassen, desertierte, weil er den IS als Verrat am Islam erlebte, und wurde festgenommen. Ihm drohte die Hinrichtung, als der Autor ihn zuletzt sah.

          Die schiitische Muslimin aus der südirakischen Stadt Kut, die der Autor über Jahre wiederholt getroffen hat, lebt heute als Flüchtling in Österreich. Sie war 23 Jahre alt und studierte in Kut englische Literatur, als im April 2003 amerikanische Soldaten in ihre Heimatstadt einrückten. Sie ließ sich von einer 33 Jahre alten amerikanischen Menschenrechtsaktivisten aus Oklahama begeistern, die für die amerikanische Zivilverwaltung in Kut Frauen über ihre Rechte aufklärte. Auf diesen Moment habe sie ihr Leben lang gewartet, sagte die junge Irakerin damals voller Begeisterung. Erstmals habe sie nun eine Zukunft für sich selbst gesehen. In Washington traf sie den amerikanischen Präsidenten. Da hatte sich der bewaffnete Widerstand gegen die amerikanischen Besatzer bereits formiert. Ihre Mentorin wurde im März 2004 in Kut getötet, später auch ihr Bruder. Das Büro in Kut wurde geschlossen, nach Morddrohungen floh sie nach Jordanien.

          Nur kurz lebte sie in San Francisco. Sie kehrte als Angestellte einer Hilfsorganisation nach Amman zurück, weil sie ihre Eltern nicht nach Amerika nachholen durfte. Nach einer Verschärfung der Arbeitsbestimmungen verlor sie ihre Arbeit in Amman. Hätten sich die Amerikaner doch nur mehr überlegt, was sie im Irak machen wollten, sagt sie 2014. Ein Jahr später flog sie mit ihrer Schweser nach Istanbul. Schlepper brachten sie von Izmir auf die griechische Insel Samos. Am 22. Dezember erreichten sie Bayern und wurden nach Österreich zurückgeschickt. Heute leben die beiden in Klagenfurt.

          Fassungslos legt man das Bucht aus der Hand. Denn es zeigt sehr konkret, was im Nahen Osten alles falsch gelaufen ist. Der Autor schließt mit der bitteren Erkenntnis, dass heute nahezu in jedem Ort, den er und sein Fotograf Paolo Pellegrin besucht hätten, die Lage schlechter sei als zu Beginn ihrer Reise.

          Scott Anderson: Zerbrochene Länder. Wie die arabische Welt aus den Fugen geriet.

          Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 264 S., 18,– .

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