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Einst wie jetzt? : Die Tugend der alten Schule

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Putin und der chinesische Staatschef Xi Jinping Bild: Xinhua / eyevine / laif

Ein Buch über die Welt von heute, das Deutungsmustern der Vergangenheit verhaftet bleibt.

          Angela Stent ist eine Politikwissenschaftlerin der alten Schule – im guten wie im schlechten Sinn. Die gebürtige Britin ist Professorin an der Georgetown University und hat Präsident George W. Bush beraten. In ihrem Buch „Putins Russland“ zieht sie die Bilanz ihrer dreißigjährigen Beschäftigung mit Russland. Sie sah die sowjetischen Gerontokraten der frühen achtziger Jahre ins Grab sinken. Sie erlebte die Aufbruchsstimmung unter Gorbatschow. Sie machte die allgemeine Ernüchterung unter Jelzin mit. Sie beobachtete den unaufhaltsamen Aufstieg des Wladimir Putin. Und heute konstatiert sie auf der Weltbühne die Rückkehr eines Russlands, das wie die Sowjetunion behandelt werden will.

          Die Tugend der alten Schule liegt darin, dass die internationalen Beziehungen vor dem Hintergrund der Diplomatiegeschichte verstanden werden. In der Tat prägen historische Erfahrungen die Wahrnehmungsmuster der Regierungen stark. Gleichzeitig hat die alte Schule aber auch Nachteile. Wenn Politik vor allem als Beziehungsgeflecht zwischen Staaten, Regierungen und oft sogar nur Führungspersonen aufgefasst wird, treten wichtige Aspekte in den Hintergrund: die Tätigkeit nichtstaatlicher Akteure, die Interessen von Konzernen, die öffentliche Sphäre, das Mediensystem. Angela Stent unterstellt sogar einen direkten Zusammenhang zwischen der persönlichen Zuneigung der Staatslenker und den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen. Anekdotisch berichtet sie von einem amerikanischen Staatsbesuch in Moskau im Juli 2009, dass der damalige Premierminister Putin Barack Obama während eines spröden Arbeitstreffens auf einem zu kleinen Stuhl sitzen ließ, während Präsident Medwedew mit ihm ein herzliches Abendessen genoss. Stent hätte ebenso auf Obamas feudales Frühstück mit Putin hinweisen können – allerdings passt diese Episode nicht ihn ihr personalisierendes Narrativ.

          Die Stoßrichtung des Buchs wird im englischen Originaltitel besonders deutlich: „Putin’s World: Russia Against the West and with the Rest“. Präsident Putin erscheint in Stents Konzeption als Verkörperung der russischen Staatsmacht. Wie ein postmoderner Zar steuert er von seinem Thron aus die Geschicke des Landes. Nun trifft es in der Tat zu, dass der russische Präsident eine enorme Machtfülle in seinen Händen ballt. Allerdings tobt hinter der vielbeschworenen „Vertikale der Macht“ ein erbitterter Kampf um Einfluss, Ressourcen und Aufstiegschancen. Die staatsnahen Energiekonzerne stehen in harter Konkurrenz zueinander, die Geheimdienste und Ermittlungsbehörden machen sich gegenseitig das Leben schwer, die mächtige Präsidialverwaltung stellt sich gegen die Ministerien.

          Dieses Gerangel wird bei Stent zu wenig berücksichtigt. Sie verlässt sich zu oft auf die pathetische Rhetorik Putins, wenn es um die Erklärung des russischen Machtgefüges geht. Damit erhalten aber schwammige Konzepte wie die „russische Idee“ oder die „imperiale Vergangenheit“ einen irreführenden Stellenwert. Die Begründung der russischen Außenpolitik durch abstrakte Ideen ist in erster Linie eine Legitimationsstrategie des Kremls und taugt kaum als politikwissenschaftliches Analyseinstrument. Auch im Untertitel spiegelt sich Stents vereinfachende Sicht der Dinge. Putin – so suggeriert Stent – will aus den Feinden seiner Feinde Freunde zu machen: Russland stellt sich gegen den „Westen“ und versucht den „Rest der Welt“ für sich zu vereinnahmen.

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