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Russland und Europa : Einst sprang Moskau für die Araber ein

Wo alles anfing: In Waidhaus an der deutsch-tschechischen Grenze kamen die ersten Gaslieferungen an Bild: Matthias Lüdecke

Der Krieg gegen die Ukraine hat allen in Westeuropa deutlich gemacht, wie abhängig sie im Energiesektor von Russland sind. Die Geschichte beginnt mit der Suche nach einer Alternative zu Öl aus Nahost.

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          Deutschland verabschiedet sich von Kohle, Öl und Gas aus Russland. Ging es noch vor wenigen Monaten darum, wann erstmals Gas durch die Ostseepipeline Nord Stream 2 fließt, will die Bundesregierung seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine am 24. Februar nun so schnell wie möglich unabhängig von Moskau werden. Energiewende und Diversifizierung von Energiequellen im Hauruckverfahren. Dabei dürfte wohl den wenigsten Deutschen klar gewesen sein, dass bis dato mehr als die Hälfte der Kohle und des Gases sowie ein Drittel des Öls hierzulande aus Russland kommen. Und Deutschland ist bei Weitem nicht das einzige Land in der Europäischen Union, dessen Energieversorgung abhängig ist von Lieferungen aus dem Osten.

          Othmara Glas
          Volontärin

          Doch wie kam es dazu? Der Osteuropahistoriker Jeronim Perović analysiert in seinem neuen Buch „Rohstoffmacht Russland. Eine globale Energiegeschichte“ die sowjetische und russische Energiepolitik der vergangenen hundert Jahre. Demnach hat Russlands Aufstieg zum bedeutenden Öllieferanten in Europa ironischerweise damit zu tun, dass die Westeuropäer in den 1970er-Jahren Alternativen zu Öl aus dem Nahen Osten suchten. Denn die arabischen Mitglieder der Organisation der Erdöl exportierender Länder (OPEC) hatten im Oktober 1973 als Reaktion auf die westliche Unterstützung Israels im Jom-Kippur-Krieg die Ölproduktion gedrosselt, die Preise entsprechend erhöht und ein Embargo gegen Amerika und andere Verbündete Israels verhängt. Die Suche nach neuen Lieferanten machte Europa anstelle von Öl aus dem Nahen Osten abhängig von Öl der Sowjetunion.

          Überhaupt hätten wirtschaftliche und energiepolitische Überlegungen die Dynamik der Ost-West-Beziehungen weit stärker beeinflusst, als die bisherige Forschung vermuten lasse, so Perovićs Grundthese. Dabei nimmt er vor allem das Denken Moskaus in den Blick, das vor allem im Kalten Krieg einen pragmatischen Zugang in Sachen Energie hatte. So ließ sich der von 1964 bis 1982 amtierende Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Leonid Breschnew, auf Kooperationen mit dem Westen ein, um Devisen aus dem Export von Öl und Gas zu erhalten und die Erschließung von Rohstoffquellen in Sibirien zu ermöglichen. Die Sowjetunion brauchte hartes Geld, Röhren und moderne Fördertechnik aus Amerika und Westeuropa und bot dafür Erdgas an. Kritiker der Pläne in der Sowjetunion argumentierten, dass Energielieferungen das kapitalistische System und den ideologischen Feind unterstützten.

          Auch die CSU lobbyierte kräftig für das „rote Gas“

          Als Beispiele für solche Kooperationsvorhaben nennt Perović das letztlich nie umgesetzte Projekt „North Star“ mit Amerika und den 1970 abgeschlossenen Erdgas-Röhren-Vertrag mit Westdeutschland. „Wandel durch Handel“ hieß das Credo des damaligen sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willy Brandt und seines Beraters Egon Bahr, den Perović zum Außenminister „befördert“. Doch nicht nur die SPD blickte damals auf die Gasfelder im Osten, auch die CSU lobbyierte kräftig für das „rote Gas“. Es ist kein Zufall, dass die Transgas-Pipeline ausgerechnet im bayrischen Waidhaus ankommt. Im Oktober 1973 floss erstmals Gas aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik. Nur wenige Monate später, mitten im Winter, drosselte Moskau die Versorgung in den eigenen Gebieten, um die Gaslieferungen an die Kunden im Westen zu gewährleisten. In der Ukrainischen Sowjetrepublik wurde das Gas teils komplett abgestellt.

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