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Einsatzgruppen im Ostkrieg : Exekutiert, vernichtet, „judenfrei“

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Ein Hammer einer Olympia Schreibmaschine schlägt auf das Farbband Bild: Sebastian Cunitz

Auf Tausenden Schreibmaschinenseiten ist minutiös festgehalten, wer wann wo und auf wessen Befehl 1942/43 welche „Vergeltungsaktion“ durchführte, echte oder angebliche Partisanen tötete, kommunistische Funktionäre „beseitigte“ und jüdische Männer, Frauen und Kinder erschoss.

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          Die „Ereignismeldungen UdSSR“, die fast täglich im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zusammengestellten Berichte über den Ausrottungsfeldzug der Einsatzgruppen in der Sowjetunion (vom 2. Januar 1942 bis zum 24. April 1942 - höchste Geheimhaltungsstufe: „Geheime Reichssache“), und die sie im Frühjahr 1942 ablösenden „Berichte aus den besetzten Ostgebieten“ (vom 1. Mai 1942 bis zum 21. Mai 1943, zweithöchste Geheimhaltungsstufe: „Geheim“) zählen zu den bedeutendsten durchlaufenden Quellengruppen zum Vernichtungskrieg in der Sowjetunion. Als Synthesen der mörderischen „Erfolgsmeldungen“ der Einsatzgruppen zeugen diese Dokumente vom millionenfachen Leid der Opfer und der rassistischen Verblendung der Täter.

          Auf Tausenden Schreibmaschinenseiten ist minutiös festgehalten, wer wann wo und auf wessen Befehl welche „Vergeltungsaktion“ durchführte, echte oder angebliche Partisanen tötete, kommunistische Funktionäre „beseitigte“ und jüdische Männer, Frauen und Kinder erschoss. Die Berichte lesen sich wie eine zynische Szenenfolge des Abschlachtens und Völkermordens. Laufend ist neben Ausführungen zur Stimmung in den besetzten Gebieten auch von Tötungsaktionen die Rede: Es wird erschossen und getötet, „gesäubert“, „durchkämmt“, „unschädlich gemacht“, „exekutiert“, „vernichtet“, „beseitigt“ und „judenfrei gemacht“. So heißt es am 9. Januar 1942 über den Einsatz auf der Krim: „Einsatzgruppe D: Standort Simferopol. Arbeitsbereiche der Teilkommandos vor allem in kleineren Orten judenfrei gemacht. In der Berichtszeit wurden 3176 Juden, 85 Partisanen, 12 Plünderer, 122 kommunistische Funktionäre erschossen. Gesamtsumme 79 276. In Simferopol außer Juden auch Krimschaken- und Zigeunerfrage bereinigt. Bereinigung von diesen Elementen von Bevölkerung allgemein begrüßt.“ Fünf Tage später: „Die Zahl der in Riga verbleibenden Juden - 29 500 - wurde durch eine vom Höheren SS- und Polizeiführer Ostland durchgeführte Aktion auf 2500 verringert.“

          Eine enge Kooperation der Einsatzgruppen und der Wehrmacht wird deutlich. So heißt es über die - in Diktion der Täter - „Judenfrage in Charkow“ im Januar 1942: „Im Einvernehmen mit dem zuständigen Generalstab und der Feldkommandantur werden die Vorbereitungsarbeiten zu einer größeren Judenaktion durch das SK 4a eingeleitet, sobald die Einrichtungsarbeiten für die Unterkunft des Kommandos erledigt sind.“ Bis zum 7. Januar waren bereits bis zu 15 000 jüdische Frauen, Männer und Kinder in einer Schlucht bei Charkow erschossen worden. Über zwei Millionen der Juden, die am 22. Juni 1941 in der Sowjetunion lebten, wurden durch solche Massenmordaktionen Opfer des Holocaust. Der Vernichtungsfeldzug gegen die Juden führte unweigerlich zu Ängsten in der nichtjüdischen Bevölkerung der besetzten Länder, später ebenfalls Opfer der selbsternannten deutschen „Herrenrasse“ zu werden. Wiederholt sind solche Befürchtungen nachweisbar. So gibt die Ereignismeldung vom 14. Januar 1942 ein litauisches Flugblatt wieder, das sich an Kollaborateure wendet, die sich an der Ermordung der Juden beteiligten: „Höre auf mit dem Morden Wehrloser, oder Du wirst von der Hand Deiner Brüder fallen. Wir wissen genau, dass der Deutsche jedem anderen Volksangehörigen dasselbe wünscht wie den Juden. Wir werden nicht zulassen, dass durch Deine Hände das litauische Volk ausgerottet wird.“

          Die Sorge, dass der antisemitische Vernichtungsfeldzug am Ende auch die slawische Bevölkerungsmehrheit auslöschen könnte, zeigte sich auch in anderen okkupierten Gebieten der Sowjetunion: „In Borissow und Umgebung tauchte Anfang Februar das Gerücht auf, dass demnächst Einheiten der Polizei ankommen würden, die gemeinsam mit dem Ordnungsdienst die Aufgabe zugewiesen bekommen hätten, die gesamte männliche Jugend zu erschießen.“ (Ereignismeldung vom 11. März 1942.)

          Da solche Meldungen die NS-Täter als Massenmörder überführen konnten, wurden sie - spätestens gegen Ende der nationalsozialistischen Herrschaft - weitgehend vernichtet. Lediglich eine fast vollständige Zusammenstellung der Berichte überdauerte das Kriegsende. Amerikanische Soldaten entdeckten das Konvolut Anfang September 1945, nicht einmal eigens gesichert, inmitten weiterer Akten im 4. Stock der Gestapo-Zentrale in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße 8.

          Auf der Grundlage der Forschungen eines hochkarätigen Historiker-Teams schließt der vorliegende Band die Edition der „Ereignismeldungen“ ab und ergänzt dies durch die bislang oft noch unberücksichtigten „Meldungen aus den besetzten Ostgebieten“. Der Band ist hervorragend erschlossen durch eine kenntnisreiche Einleitung, die den Kontext der Quellen historisch beleuchtet. Vorbildlich ist die kritische Kommentierung der Berichte durch gut recherchierte kurze biographische Anmerkungen zu den handelnden und erwähnten Akteuren und wichtige weitere Hintergrundinformationen. Nützlich bei der historischen Analyse der Quellensammlung sind weiter ein Personen- und Sachregister sowie Überblickskarten zu den von Deutschland besetzten Gebieten. Kritisch ist anzumerken, dass die vorliegende Edition Fotodokumente enthält, die jedoch - anders als die Textquellen - nicht genauer erschlossen und kommentiert werden. Dieses Defizit nimmt der Edition jedoch nicht ihren Wert für die Forschung. Wer sich mit dem deutschen Vernichtungsfeldzug während des Zweiten Weltkriegs in Osteuropa historisch auseinandersetzt, wird diese Edition künftig berücksichtigen müssen.

          Klaus-Michel Mallman/Jürgen Matthäus/Martin Cüppers/Andrej Angrick (Herausgeber): Deutsche Berichte aus dem Osten 1942/1943. Dokumente der Einsatzgruppen in der Sowjetunion III. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014. 892 S., 59,95 €.

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