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Grenzlexikon : Transit, Intershop, Schießbefehl

Bild: dpa

Dem Vergessen entgegenwirken. Das Thüringer Bürgerkomitee hat in einem Band die wichtigsten Begriffe zusammengefasst und erklärt, die einst den Alltag in Ostdeutschland prägten.

          Das Alphabet will es, dass dieser Band ausgerechnet mit dem Stichwort „Abbau der Grenzanlagen“ beginnt und mit dem Eintrag „Zwei-plus-vier-Vertrag“ endet. Beide beschreiben das Ende jener Grenze, die Deutschland praktisch seit Kriegsende 1945 und bis Ende 1989 teilte und die in ihrem letzten Ausbaustadium fast 2000 Kilometer Absperrelemente, 716 Beobachtungstürme und 845 Kilometer Sperrgräben aufwies. So berichtete es im April 1990 der Chef der Grenztruppen der neu gewählten DDR-Regierung über den Umfang der gerade erst in Auftrag gegebenen Demontage. Zwischen A und Z jedoch finden sich in diesem vom Bürgerkomitee des Landes Thüringen herausgegebenen Nachschlagewerk auf fast 300 Seiten jede Menge Begriffe, Fakten und Details zur innerdeutschen Grenze, den Ursachen für ihre Errichtung und den Folgen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Dabei beschränken sich die Autoren, die allesamt Kenner der Materie sind, nicht immer auf eine in Lexika übliche Kurzerklärung, sondern erzählen bisweilen auch über mehrere Seiten Geschichten hinter den Begriffen. So erläutern sie zur „Deutschlandfrage“ die Haltungen der DDR- sowie der bundesdeutschen Regierungen im Laufe der Zeit, erzählen von geglückten und tragischen Fällen der Flucht in den Westen, vom Aufbau und Organisation des DDR-Grenzregimes sowie über die Mauerschützen-Prozesse nach der Wiedervereinigung. Ausführlich gehen sie auf den Schießbefehl ein, dessen Existenz von einstigen SED-Funktionären zum Teil bis heute bestritten wird. Eine Auflistung im Anhang nennt die Namen aller sowohl vor als auch nach dem 13. August 1961 in Berlin, an der innerdeutschen Grenze, in der Ostsee sowie auf anderen Wegen in den Westen getöteten Menschen, darunter auch die ums Leben gekommener Grenzsoldaten. Bemerkenswert ist dabei auch, wie häufig als Art des Todesfalls „Selbstmord im Grenzdienst“ aufgelistet wird.

          Auch längst vergangene Begriffe wie Genex, Intershop oder Transit, die es ohne die Teilung womöglich nie gegeben hätte, leben in dem zusätzlich mit vielen Fotos, Grafiken und Tabellen angereicherten Buch wieder auf und werden anschaulich erläutert. Beim Stichwort „Interzonenzug“ wird an Strecken wie Görlitz–Köln, München–Rostock und Frankfurt/Main–Frankfurt/Oder deutlich, dass die Bahn zu Zeiten der Teilung Deutschland offensichtlich besser verband als 30 Jahre später. So haben die Autoren insgesamt eine umfassende Übersicht über ein wesentliches Kapitel deutscher Geschichte geschaffen und trotz aller Tragik auch auf kuriose Einträge nicht verzichtet. Wer etwa wissen will, was sich hinter Begriffen wie „Absteiger“, „Brockenmoschee“ oder „Entenschnabel“ verbirgt, wird in diesem exzellent recherchierten und sehr lesenswerten Werk fündig. Und schließlich enthält der Band – quasi als Hinweis auf die Praxis – eine Liste und Beschreibung aller 38 Gedenkstätten und Museen, die das Gedenken an die Opfer und die Erinnerung an die deutsche Teilung bewahren.

          Bürgerkomitee des Landes Thüringen e.V.: Lexikon der innerdeutschen Grenze

          Zella-Mehlis 2019, 360 Seiten, 10,– Euro.

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