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Vor dem Ende : 174 Tage – oder die Sehnsucht nach Koteletts

Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl vereidigt die neue Regierung der DDR. Neben ihr Ministerpräsident Lothar de Maizière Bild: dpa

Es war ein großes, nicht wiederholbares Experiment. Erinnerungen an das Epochenjahr 1990 in Deutschland.

          Helmut Kohl wird bekanntlich als Kanzler der Einheit bezeichnet, aber niemand nennt Lothar de Maizière den Ministerpräsidenten der Einheit. Der letzte Regierungschef der DDR ist wie sein gesamtes Kabinett heute zu einer Fußnote in der politischen Geschichte Deutschlands geworden, aber das konnte keiner ahnen, als im April 1990 die erste frei gewählte DDR-Regierung ihren Dienst antrat. Lothar de Maizière selbst ging damals davon aus, dass es noch einige Jahre dauern würde bis zur Wiedervereinigung Deutschlands, doch dann blieben gerade mal 174 Tage. Diese Dynamik ist in der Geschichte ohne Beispiel und die letzte DDR-Regierung auch deshalb einzigartig, schreiben die Autoren des überaus lesenswerten Interview-Bandes „Die Staatsmacht, die sich selbst abschaffte“. Denn das eigene Ende war letztlich die Konsequenz der Arbeit dieser Regierung.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          In den bisweilen sehr persönlichen Gesprächen mit de Maizière sowie 16 Ministern seines damaligen Kabinetts lebt eine Zeit noch einmal auf, die zu den ungewöhnlichsten und emotionalsten Kapiteln der deutschen Geschichte gehört. „Es war einfach eine wunderbare Stimmung damals“, sagt etwa der einstige Kulturminister Herbert Schirmer. „Irrsinnig viel Arbeit, irrsinnig viel Verantwortung, und gleichzeitig war aber so ein großes gemeinsames Wollen, das sich einfach an der Sache orientierte, Parteienkrieg oder persönliche Finessen spielten keine Rolle.“ Diese Erfahrung schildern fast alle der Befragten: Es ging um das Land, die DDR, und ihre Menschen; Parteipolitik oder Machtambitionen seien dagegen keine Themen gewesen. Kein Wunder, bestand doch die gesamte Regierung aus politischen Laien – Ärzten, Lehrern, Wissenschaftlern, Pfarrern – die sich während der friedlichen Revolution im Herbst 1989 engagiert hatten.

          Keiner dieser Frauen und Männer wollte je Minister werden, alle taten sich enorm schwer, diese Aufgaben zu übernehmen, inklusive des Regierungschefs. Legendär ist der entsetzte Blick de Mazièrs, als er am Abend der Volkskammerwahl am 18. März 1990 mit der Allianz für Deutschland, einem Verbund aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch, plötzlich haushoher Wahlsieger war und das Amt des Ministerpräsidenten auf sich zurollen sah. Obwohl er mit der CDU allein hätte regieren können, bildete er eine Koalitionsregierung, um eine möglichst breite Basis für Reformen zu haben. Denn verändern sollte sich nach vier Jahrzehnten SED-Herrschaft nahezu alles: Die Länder sollten neu gebildet, die Kultur dezentralisiert, das Militär abgerüstet, Handel und Versorgung entflochten, die Wirtschaft am Leben und die Menschen im Land gehalten werden. Auch weil Letzteres nicht gelang, kam die möglichst schnelle Herbeiführung der nationalen Einheit als Aufgabe hinzu.

          Bemerkenswert ist, wie pragmatisch die Polit-Neulinge ihre Aufgaben angingen und es dabei unterließen, ihre SED-Amtsvorgänger zu demütigen. Vielmehr behielten sie diese häufig in den Ministerien, wie Verteidigungsminister Rainer Eppelmann, der seinen Vorgänger zum obersten Soldaten im Haus machte, um sich sowohl Fachkenntnis als auch Loyalität der Mitarbeiter zu sichern; zudem hatte Ministerpräsident de Maizière dazu geraten, auf einen Kehraus zu verzichten. Fast alle Minister berichten, wie gut das funktioniert habe; in den höchst unsicheren Zeiten des Umbruchs war den meisten Funktionären des alten Regimes der Job näher als die Ideologie, sofern sie an diese überhaupt noch glaubten. Überhaupt besteht der Reiz dieses Interview-Bandes nicht nur in zahlreichen unterhaltsamen Anekdoten, sondern auch darin, wie unverstellt die Interviewten reden, fast alle sind heute Rentner, keiner hat mehr politische Funktionen oder muss diesbezüglich Rücksicht nehmen.

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