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Kalter Krieg : Die Rückkehr des Gespensts

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Die Berliner Mauer ist gefallen, Nacht vom 9.November zum 10.November 1989, 23 Uhr. Berliner sind auf die Mauer am Brandenburger Tor geklettert. Bild: Paul Glaser

Odd Arne Westad über den globalen Kalten Krieg - und Lehren für aktuelle Krisen.

          4 Min.

          Der Kalte Krieg in Europa endete, weil sich die Angst, die Ost und West voreinander hatten, durch jahrelangen engeren Kontakt vermindert hatte und weil die Europäische Gemeinschaft bewiesen hatte, dass sie auch periphere Länder erfolgreich integrieren konnte. Er endete 1989, weil die Völker in Osteuropa rebellierten und Gorbatschow nichts unternahm, um die kommunistischen Regime zu retten.“ Aus der Rückschau und einer völlig veränderten Weltlage überkommt manche Leser zweifellos Wehmut. Sie erinnern sich an jene Monate 1989/90, in denen eine fast fünfzigjährige Zeit der Konfrontation, in der zwei mächtige Blöcke, bis an die Zähne bewaffnet, manches Mal hart am Rande eines nuklearen Krieges einander unversöhnlich gegenübergestanden hatten, zu Ende gegangen war. Das 21. Jahrhundert, so die allgemeine Erwartung, würde eine Zeit des Friedens und des endgültigen Durchbruchs demokratischer Werte, aber auch des Wohlstands überall auf der Welt sein.

          Dass die Hoffnung auf ein „goldenes“ Zeitalter sich als Illusionen erweisen würde, ließen nicht nur die Kriege auf dem Balkan, sondern auch im Mittleren Osten im Zeichen der Kuweit-Krise 1990/91 und der „Wars on Terror“ nach 9/11 erahnen. In dem Moment, in dem der russische Präsident Wladimir Putin den amerikanischen Anspruch auf alleinige Vormachtstellung auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007 öffentlich in Frage stellte, wurde die Gefahr eines neuen Kalten Krieges deutlich. Mit der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim, der hybriden Bedrohung der baltischen Staaten und der Unterstützung von Separatisten in der Ostukraine durch Moskau ist der Kalte Krieg wieder mehr als nur ein Gespenst. Nato-Truppen stehen seitdem an Russlands Grenzen, Wehretats werden in ganz Europa erhöht. Und auch die Rhetorik vieler Akteure erinnert an die Zeit vor 1989. Das Auslaufen des symbolisch bedeutsamen INF-Vertrages im Sommer offenbarte, dass der Versuch, Eskalationen durch Abkommen zu verhindern, zunächst gescheitert ist. Die Migrationskrise und die von Populisten geschürte Debatte über die von einst als Allheilmittel gepriesene Globalisierung zeigen deren Schattenseiten.

          Vor diesem Hintergrund tut es uns allen, vor allem aber den verantwortlichen Politikern gut, sich Genese, Verlauf und Ergebnisse des Kalten Krieges zu vergegenwärtigen. Das 2017 erstmals erschienene, nun ins Deutsche übersetzte Buch des norwegischen Historikers Odd Arne Westad ist eine mustergültige und außerordentlich lehrreiche Orientierungshilfe.

          Westads Studie ist nicht allein deshalb bedeutsam, weil sie den Kalten Krieg nicht wie oft üblich mit Churchills Fulton-Rede über den „Eisernen Vorhang“ 1946 beginnen lässt oder diesen einfach als primär europäisches Phänomen betrachtet. Aus Westads Sicht kann der Kalte Krieg nur als Ergebnis eines im 19. Jahrhundert beginnenden „wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandels“ begriffen werden. Dieser habe sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Verwandlung der Vereinigten Staaten und Russlands „in zwei mächtige Imperien mit der immer stärkeren Überzeugung, eine internationale Mission zu haben“ sowie der Verschärfung der Kluft zwischen dem Kapitalismus und seinen Kritikern beschleunigt. Das Jahr 1917 betrachtet er zu Recht als Scharnierjahr. Zum einen traten die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg ein, um die westliche Welt zu retten. Zum anderen stürzten die Sowjets das zaristische System, um unter dem weltweiten Beifall vieler Linker einer neuen, vermeintlich gerechteren Gesellschaftsordnung den Weg zu ebnen.

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