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„Die Kohl-Protokolle“ : Schwan hält sich längst für den besseren Kohl

  • -Aktualisiert am

Die Autoren und ihr Werk: Heribert Schwan (links) und Tilman Jens Bild: AFP

Altkanzler Helmut Kohl hat seinen Widerstand gegen das Buch von Heribert Schwan aufgegeben. Jetzt kann es jeder selbst lesen. „Die Kohl-Protokolle“ haben das Zeug zum Bestseller.

          Nun kann es jeder selbst lesen. Das zu Wochenbeginn als Enthüllungsbuch angekündigte Gemeinschaftswerk des früheren Ghostwriters von Helmut Kohl, Heribert Schwan, und Tilman Jens ist ausgeliefert. „Die Kohl-Protokolle“ haben das Zeug zum Bestseller - und das nicht nur wegen der geschickten Vermarktung oder wegen der Empörung über die verletzte Privatsphäre des Altkanzlers. Der Band ist gegen den Willen Kohls und seiner Frau erschienen. Er gibt viel über ihn preis, was Weggefährten und Gegner des langjährigen CDU-Vorsitzenden schon lange wussten, was der breiten Öffentlichkeit bisher aber verborgen geblieben ist.

          Den „Tonbandschatz“, der zwischen März 2001 und Oktober 2002 in Oggersheim entstanden war, musste Schwan nach einer Entscheidung des Kölner Landgerichts, die das Oberlandesgericht Ende Juli dieses Jahres bestätigte, herausgeben, weil es sich um das alleinige Eigentum Kohls handele. Als der Gerichtsvollzieher vor ihm stand, entschloss sich Schwan dazu, „unsere Gespräche, die umkämpften Kohl-Protokolle, nunmehr in ihrer Essenz zu dokumentieren. Sie werden das Bild des Kanzlers, der länger als jeder andere regierte, um entscheidende Facetten erweitern. In seine Memoiren sind die Interviews zu höchstens 10 Prozent eingeflossen. Nun aber wird nichts gefiltert. Helmut Kohl darf Klartext reden.“

          Auf 43 Seiten widmet sich Schwan seiner Rolle als „Volksschriftsteller“. So nannte ihn Kohl. „Ich war stolz, dass er mich brauchte“, gesteht Schwan, der damals noch für den WDR tätig war. Beide konnten der Memoiren-Fronarbeit verstärkt Vergnügen abgewinnen - das belegen viele Zitate.

          Sie liefern interessantes Zeitkolorit - bis hin zu Kohls Einschätzung der Lewinsky-Affäre, die den amerikanischen Präsidenten 1998 in einer politisch schwierigen Phase beeinträchtigte, weil „Bill Clinton an diesem Schlüpfer herumgemacht hatte und sich die Welt nur für diesen Schlüpfer interessierte“. Zweimal pro Woche rief Kohl im Weißen Haus an und riet Clinton zum „Durchstehen“ der Krise.

          Schwan sieht sich nicht gebührend gewürdigt

          Scharfe Urteile enthält das Buch in Hülle und Fülle, beispielsweise über die „Arschlöcher vom Auswärtigen Amt“, über die „Schreckschraube“ Rita Süssmuth, über den „Verräter“ Norbert Blüm, über Angela Merkel, die „ja wenig vom Charakter heimgesucht“ sei, über den „Narren und Rechthaber“ Heiner Geißler und so weiter. Insgesamt fühlte sich Kohl im Unruhestand wegen der Spendenaffäre von lauter Illoyalen umgeben: Der große Handelnde machte sich in den Memoireninterviews zum Opfer.

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          Ein eigenes Kapitel ist den Bundespräsidenten gewidmet. Hier findet sich ein Kohl-Credo: „Zwei Dinge wollte ich nie: Minister oder Bundespräsident werden!“ Das erste Staatsoberhaupt, Theodor Heuss, sei „ein Glücksfall für die Republik“ gewesen. Dass er sich 1954 im Alter von 70 Jahren zu einer zweiten Amtszeit überreden ließ, beurteilt Kohl dagegen als „absolute Zumutung. Drei Viertel der Deutschen konnten ihn doch gar nicht verstehen. Wie oft war er am helllichten Tag betrunken. Fast in jedem Staatsakt saß er vorne und schlief.“ Gustav Heinemann sei „kantig, von herbem Charme und puritanischer Strenge“ gewesen. Walter Scheel „war eine charakterliche Null und brachte nichts ein außer seiner NSDAP-Mitgliedschaft“. Richard von Weizsäcker habe „sich selbst für den Klügsten, Besten und Allermoralischsten“ gehalten, für einen der „bedeutendsten Männer der Gegenwart“. Und Johannes Rau habe sich als „absurde Figur“ in das Amt des Präsidenten „geschlichen“.

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