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„Die Kohl-Protokolle“ : Schwan hält sich längst für den besseren Kohl

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Kohls Äußerungen sollten als Rohmaterial für die Memoiren dienen, von denen für die Zeit von 1930 bis 1994 in den Jahren 2004, 2005 und 2007 drei Bände erschienen. Bei dieser gewaltigen Leistung sieht Schwan den eigenen Anteil nicht gebührend gewürdigt. Irgendwie hält er sich wohl längst für den besseren Kohl und glaubt, dass er mit der neuen Publikation in dessen Sinne handele.

Die Tonbänder gehören ins Archiv

Die erinnerungspolitische Männerfreundschaft mit Schwan störte Ende 2003 Maike Richter, die Kohl „in die Durchsicht der Autobiographie“ eingebunden haben wollte. Es kam zum Streit, als der „vernarrte Riese“ zunehmend auf die junge Frau hörte. Der Ghostwriter konnte es nicht fassen: „Über Jahrzehnte hatte Kohl oft hart, brutal und giftig über die Frauen geherrscht. Und nun plötzlich herrschte ein solches Weib über ihn. Sie hat nahezu sein gesamtes Umfeld eliminiert.“ Im Oktober 2008 - nach Kohls Unfall und der Heirat mit Maike - war Schwan das letzte Mal in Oggersheim: „Beim Abschied ringt er nach Worten, sein Gesicht ist verzerrt. Er schaut aus dem Rollstuhl erst zu mir, dann zu der Frau, die er lieb hat, und sagt: ,Ich möchte, dass Ihr Euch vertragt.‘ Wir nicken uns mit betretener Miene zu. Doch der Waffenstillstand hält nur ein paar Wochen.“

Längst ist ein Krieg um Kohl entbrannt, bei dem sich Schwan immer mehr auf die Zweitgattin einschießt. Darunter leidet das Kohl-Bild, das er eigentlich aufzuhellen wünschte. Kohl ist und bleibt ein großer Deutscher, der die Chance zur Wiedervereinigung erkannte und ergriff und der die Einigung Europas vorantrieb. Er baute auf persönliche Beziehungen, jedoch auch auf die Macht des „Bimbes“. Über den Spendenskandal stürzte er vorübergehend vom Denkmalsockel.

Schwans Zitaten-Auslese ergänzt die vielen bisherigen Kohl-Darstellungen, darunter auch bewusst geschönte und gekünstelte, um lebhafte Szenen, denen man jedenfalls die Authentizität nicht absprechen kann. Sie zeigen, dass Kohl auch nur ein Mensch war. Herausgekommen ist dabei ein Sittenbild der Politik. So redete damals nicht nur Kohl über seine Kollegen und Konkurrenten.

Doch Maike Kohl-Richter habe, so Schwan, „diesen Kohl, der direkt, derb, streitlustig, klug, gelegentlich zotig und ungerecht mit den Seinen ins Gericht geht“, nicht haben wollen - was aus ihrer bewundernden Sicht verständlich ist, weil manches von dem Gesagten nicht zum berühmten „Mantel der Geschichte“ passt. Doch ist durch Schwans geschickte Fragen eine große Tonband-Überlieferung entstanden, die nicht in einen Oggersheimer Hobbykeller, sondern in die Obhut eines ordentlichen und für die Forschung offenen Archivs gehört.

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