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Heldenhafte Vergangenheit : Newski – Kutusow – Schukow

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Wenigstens als Statue hat er Moskau erreicht: Der Kiewer Fürst Wladimir, im Juli gefeiert als einer der Helden der russischen Geschichte. Bild: EPA

Russland ist ein Beispiel dafür, wie viel Schindluder man mit Geschichte treiben kann.

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          Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems wurde die wichtigste ideologische Ressource in Russland gewissermaßen umgepolt: Nicht mehr die lichte Zukunft, sondern die heldenhafte Vergangenheit legitimiert heute das Machtzentrum im Kreml. Die Vision einer klassenlosen Gesellschaft stand von Anfang an als Ziel über allen Anstrengungen der Bolschewiki. Anspruch und Realität klafften allerdings in den Jahrzehnten nach der Oktoberrevolution immer weiter auseinander. Die Sowjetgesellschaft verbürgerlichte – unter Stalin wurde sogar ein umfassendes Erbrecht eingeführt. Nikita Chruschtschow verkündete 1961 vollmundig, dass der Kommunismus in 20 Jahren erreicht sein werde. Seinem Nachfolger Leonid Breschnew blieb angesichts der Stagnation der siebziger Jahre nichts anderes übrig, als ein neues ewig-provisorisches Geschichtsstadium für die marxistische Heilsgeschichte zu erfinden: den „entwickelten Sozialismus“. Das stille Absterben der sowjetischen Gerontokratie und die verzweifelten Rettungsversuche unter Gorbatschow wurden schließlich zum Sinnbild einer Gesellschaft, der die Zukunft abhandengekommen war. Deshalb lag es für die postsowjetischen Staatslenker in Russland nahe, aus der Not eine Tugend zu machen. Nicht mehr das, was sein wird, sondern was war, sollte die emotionale Bindung der Bürger an die Regierung sichern. Allerdings boten sich vor allem die entfernteren Epochen der Geschichte für diesen Zweck an. Zu blutig, grausam und menschenverachtend war das kurze 20. Jahrhundert ausgefallen. Einmal mehr bestätigte sich: In Russland ist nicht nur die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit nicht vorhersagbar.

          Philipp Bürger beschäftigt sich in seiner Münchner Dissertation mit der russischen Geschichtspolitik seit 2000. Dabei konzentriert er sich auf drei Elemente: die offiziellen Feiertage, den Geschichtsunterricht und die Präsidentenreden. Er weist nach, dass der heutige patriotische Herrschaftsdiskurs bereits unter Boris Jelzin vorbereitet wurde. So gibt es seit 1995 zahlreiche „Tage des militärischen Ruhms“, an denen so unterschiedliche Feldherren wie Alexander Newski, General Kutusow oder Marschall Schukow gefeiert werden. Ebenfalls 1995 wurde der Jahrestag der Oktoberrevolution abgeschafft. Ersetzt wurde der höchste sowjetische Feiertag durch den „Tag der Einheit des Volks“, der an die Vertreibung der polnischen Besatzer aus Moskau im Jahr 1612 erinnert. In der Ära Putin hat sich ganz klar der Tag des Sieges über Hitlerdeutschland am 9. Mai als wichtigstes geschichtspolitisches Event durchgesetzt. Die Strahlkraft dieser Feier ist so groß, dass sich mittlerweile sogar die Oktoberrevolution im Prisma des „Großen Vaterländischen Kriegs“ bricht. Im Jahr 2004 wurde erstmals der militärischen Parade im belagerten Moskau im Winter 1941 gedacht, die aus Anlass des 24. Jahrestags der bolschewistischen Machtergreifung stattfand. Damit wurde auf geschickte Weise das unliebsame Thema der Revolution, das damals durch die „orangen“ Kiewer Proteste eine schmerzhafte Aktualität erhalten hatte, mit dem staatsstützenden Heldendiskurs des Siegs im Weltkrieg überblendet.

          Auch der patriotische Geschichtsunterricht ist keine Erfindung von Putins Bürokratie. Bereits 1992 wurde die „Liebe zur Heimat“ in einem neuen Bildungsgesetz festgeschrieben. Allerdings blieb die Situation in den neunziger Jahren unübersichtlich: Viele Schulen benutzten aus Mangel an Alternativen weiterhin sowjetische Geschichtsbücher. Bürger weist darauf hin, dass im Schuljahr 1996 vierzehn neue Lehrwerke vom Bildungsministerium anerkannt waren. Dieser Pluralismus konnte sich noch einige Jahre behaupten. Allerdings monierte Putin bereits 2003 einzelne Passagen in Geschichtsbüchern, in denen seine eigene Präsidentschaft als „autoritäre Diktatur“ oder „Polizeistaat“ bezeichnet wurde. 2013 schlug Putin dann folgerichtig vor, ein Einheitsgeschichtsbuch für den Unterricht in russischen Schulen auszuarbeiten. Dabei sollten vor allem „innere Gegensätze und doppeldeutige Interpretationen“ vermieden werden. Der „historisch-kulturelle Standard“, der als Resultat dieser Bemühungen vorgelegt wurde, betont vor allem die Kontinuität der russischen Staatlichkeit. Die einzelnen Kapitel beschäftigen sich mit der „Alten Rus“, dem „Altrussischen Staat“, dem „Großfürstentum“, dem „Zarenreich“, dem „Russländischen Imperium“, der „Sowjetunion“ und schließlich der „Russländischen Föderation“. Der Staat erscheint als Leitthema der russischen Geschichte. Zwar gibt es immer wieder kurzfristige Unterbrechungen der Staatlichkeit wie die „Zeit der Wirren“, die Revolutionen des Jahres 1917, den Überfall der Wehrmacht oder den Zerfall der Sowjetunion. Grundsätzlich geht der Staat im offiziellen Geschichtsnarrativ aber gestärkt aus solch existenzbedrohenden Krisen hervor.

          Die Präsidentenreden sind letztlich eine Folge von Gorbatschows Glasnost-Initiative. Erst am 14. März 1990 wurde in der Sowjetunion das Präsidentenamt eingeführt. Dabei war nach amerikanischem Vorbild eine jährliche „State of the Union“-Ansprache vorgesehen. Bürger weist nach, dass Putin in seinen Reden ein heroisches Geschichtsbild entwirft: Die Entbehrungen der neunziger Jahre erscheinen als Katharsis, die das neue Russland des 21. Jahrhunderts in umso hellerem Licht strahlen lässt.

          Philipp Bürger legt ein wichtiges und ertragreiches Buch vor. Allerdings merkt man der Darstellung an, dass die wichtigen Änderungen in der russischen Geschichtspolitik nach der Annexion der Krim und der Aggression in der Ostukraine nur als Nachträge eingearbeitet wurden. Dabei bleiben die aktualisierten Informationen jedoch lückenhaft. Mit keinem Wort werden die zwei wichtigsten geschichtspolitischen Akteure in Russland erwähnt: die „Russländische Historische Gesellschaft“ und die „Russländische Militärhistorische Gesellschaft“, die beide per Präsidentenukas 2012 ins Leben gerufen wurden. Auch die umfangreichen Aktivitäten des linientreuen Kulturministers Wladimir Medinski erscheinen nur am Rande. Die Virulenz der russischen Geschichtspolitik wird durch spektakuläre Denkmalprojekte der jüngsten Zeit bestätigt. So steht seit knapp zwei Jahren im Moskauer Stadtzentrum eine siebzehn Meter hohe Statue des Kiewer Fürsten Wladimir. Das Monument ist einigermaßen merkwürdig, weil Wladimir nie in Moskau war – aus dem einfachen Grund, dass Moskau im 10. Jahrhundert noch gar nicht existierte. Die Botschaft des Denkmals lautet: Die tausendjährige russische Staatlichkeit beginnt mit der Kiewer Rus.

          Philipp Bürger: Geschichte im Dienst für das Vaterland. Traditionen und Ziele der russländischen Geschichtspolitik seit 2000.

          Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018. 341 S., 70,- .

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