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Heldenhafte Vergangenheit : Newski – Kutusow – Schukow

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Auch der patriotische Geschichtsunterricht ist keine Erfindung von Putins Bürokratie. Bereits 1992 wurde die „Liebe zur Heimat“ in einem neuen Bildungsgesetz festgeschrieben. Allerdings blieb die Situation in den neunziger Jahren unübersichtlich: Viele Schulen benutzten aus Mangel an Alternativen weiterhin sowjetische Geschichtsbücher. Bürger weist darauf hin, dass im Schuljahr 1996 vierzehn neue Lehrwerke vom Bildungsministerium anerkannt waren. Dieser Pluralismus konnte sich noch einige Jahre behaupten. Allerdings monierte Putin bereits 2003 einzelne Passagen in Geschichtsbüchern, in denen seine eigene Präsidentschaft als „autoritäre Diktatur“ oder „Polizeistaat“ bezeichnet wurde. 2013 schlug Putin dann folgerichtig vor, ein Einheitsgeschichtsbuch für den Unterricht in russischen Schulen auszuarbeiten. Dabei sollten vor allem „innere Gegensätze und doppeldeutige Interpretationen“ vermieden werden. Der „historisch-kulturelle Standard“, der als Resultat dieser Bemühungen vorgelegt wurde, betont vor allem die Kontinuität der russischen Staatlichkeit. Die einzelnen Kapitel beschäftigen sich mit der „Alten Rus“, dem „Altrussischen Staat“, dem „Großfürstentum“, dem „Zarenreich“, dem „Russländischen Imperium“, der „Sowjetunion“ und schließlich der „Russländischen Föderation“. Der Staat erscheint als Leitthema der russischen Geschichte. Zwar gibt es immer wieder kurzfristige Unterbrechungen der Staatlichkeit wie die „Zeit der Wirren“, die Revolutionen des Jahres 1917, den Überfall der Wehrmacht oder den Zerfall der Sowjetunion. Grundsätzlich geht der Staat im offiziellen Geschichtsnarrativ aber gestärkt aus solch existenzbedrohenden Krisen hervor.

Die Präsidentenreden sind letztlich eine Folge von Gorbatschows Glasnost-Initiative. Erst am 14. März 1990 wurde in der Sowjetunion das Präsidentenamt eingeführt. Dabei war nach amerikanischem Vorbild eine jährliche „State of the Union“-Ansprache vorgesehen. Bürger weist nach, dass Putin in seinen Reden ein heroisches Geschichtsbild entwirft: Die Entbehrungen der neunziger Jahre erscheinen als Katharsis, die das neue Russland des 21. Jahrhunderts in umso hellerem Licht strahlen lässt.

Philipp Bürger legt ein wichtiges und ertragreiches Buch vor. Allerdings merkt man der Darstellung an, dass die wichtigen Änderungen in der russischen Geschichtspolitik nach der Annexion der Krim und der Aggression in der Ostukraine nur als Nachträge eingearbeitet wurden. Dabei bleiben die aktualisierten Informationen jedoch lückenhaft. Mit keinem Wort werden die zwei wichtigsten geschichtspolitischen Akteure in Russland erwähnt: die „Russländische Historische Gesellschaft“ und die „Russländische Militärhistorische Gesellschaft“, die beide per Präsidentenukas 2012 ins Leben gerufen wurden. Auch die umfangreichen Aktivitäten des linientreuen Kulturministers Wladimir Medinski erscheinen nur am Rande. Die Virulenz der russischen Geschichtspolitik wird durch spektakuläre Denkmalprojekte der jüngsten Zeit bestätigt. So steht seit knapp zwei Jahren im Moskauer Stadtzentrum eine siebzehn Meter hohe Statue des Kiewer Fürsten Wladimir. Das Monument ist einigermaßen merkwürdig, weil Wladimir nie in Moskau war – aus dem einfachen Grund, dass Moskau im 10. Jahrhundert noch gar nicht existierte. Die Botschaft des Denkmals lautet: Die tausendjährige russische Staatlichkeit beginnt mit der Kiewer Rus.

Philipp Bürger: Geschichte im Dienst für das Vaterland. Traditionen und Ziele der russländischen Geschichtspolitik seit 2000.

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018. 341 S., 70,- .

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