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Die geteilte Welt : Spannung und Spaltung

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Der amerikanische Sicherheitsberater und spätere Außenminister Henry Kissinger mit Bundeskanzler Willy Brandt. Bild: Picture-Alliance

Wie „Europa“ zu dem wurde, was es heute ist. Ein nicht nur im Wortsinn großes Buch von Ian Kershaw

          Das 2016 erschienene Buch „Höllensturz“ von Sir Ian Kershaw bot eine Geschichte Europas von 1914 bis 1949. Nun liegt mit der „Achterbahn“ der zweite Teil bis zur Gegenwart vor. „Spannung und Spaltung“ umreißen die fünfziger und sechziger Jahre, als der Kalte Krieg durch Stellvertreter heiß wurde und Nuklearwaffen aufkamen. Dem militärisch-konventionellen Plus der UdSSR stand ein Übermaß an amerikanischen Atombomben gegenüber, die zur Vernichtung Europas ausgereicht hätten: Besaßen die Vereinigten Staaten 1950 298 davon, so 1962 unglaubliche 27 000! Im nächsten Kapitel geht es um die „Herausbildung Westeuropas“ mit konsolidierten Demokratien. „Der koloniale Rückzug“ folgte mit der gescheiterten französischen Rekolonisierung in Indochina (1954), der Suez-Krise (1956) und Algerien (1962) sowie zuvor mit dem britischen Abzug aus Indien (1947) und Palästina (1948) mit katastrophalen Folgen für die Regionen und das Empire. Ein drittes Kapitel widmet sich im Zeichen der Entstalinisierung nach Stalins Tod der „gelockerten“ und mit der Restalinisierung unter Breschnew der „festgezurrten Klammer“ im Osten wie auch der „jugoslawischen Häresie“ unter Tito angesichts der Moskauer Kommando- und Zwangsherrschaft. Die dagegen gerichteten Volksaufstände in Mitteleuropa (1953, 1956, 1968) gefährdeten zwar die Sowjetherrschaft. Diese stellte aber durch ihre Niederschlagung die alte Ordnung wieder her. Ein viertes Kapitel firmiert unter „Gute Zeiten“, worunter Konsumgesellschaft, Sozialstaat und das „Wirtschaftswunder“ zählen, was kein deutsches Spezifikum, sondern ein westeuropäisches Phänomen war. Der fünfte Teil widmet sich der „Kultur nach der Katastrophe“, so unter anderem den „Schatten der Vergangenheit“, wobei es um Nutzen und Missbrauch geht: Die Bundesrepublik war durch Ausmaß und Tiefe der Selbstbefragung die Ausnahme. Über Kollaboration mit Faschismus und Nationalsozialismus wurde sonst von offizieller Seite in Europa bis in die Achtziger der Schleier des Schweigens gelegt. Man kehrte den nationalen Widerstand hervor und überging den kommunistischen.

          Der Bruch mit Werten der Vergangenheit setzte in den sechziger Jahren ein, verbunden mit dem langfristigen Niedergang der christlichen Konfessionen. Das war ein gesamteuropäisches Phänomen, gleichwohl forciert durch Verfolgung und Unterdrückung im Osten. Die aufbegehrenden Studenten in Frankreich trugen am stärksten zur Erinnerung der Ereignisse von „1968“ bei, gleichwohl sie nicht in dem Maße in terroristische Gewalt wie mit der „RAF“ in Deutschland und den „Roten Brigaden“ in Italien mündeten, wovon das Kapitel „Herausforderungen“ handelt. „1968“ steht im Westen für kulturellen Wertewandel, das „andere 1968“ für das Ende des Traums von einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ hinter dem Eisernen Vorhang. Die realsozialistische „Normalisierung“ endete jedoch in der Einbahnstraße 1989.

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