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Was ist Freiheit? : Der Reiz des Autoritären

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Alexander Solschenizyn Bild: Reuters

In Russland geben viele eine andere Antwort als im Westen. Warum eigentlich?

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          Es ist in Vergessenheit geraten, dass auf die Frage, was Freiheit ist, unterschiedliche Antworten gegeben werden können. Frei kann sein, wer seinen Ermessensspielraum zu Lasten anderer ausweitet, wer sich Vorteile durch Rücksichtslosigkeit verschafft.

          Liberale hingegen definieren Freiheit als jenen Schutzraum, zu dem sich die staatliche Gewalt keinen Zutritt verschaffen darf. In allen Gesellschaften gibt es auch Menschen, die unter fehlender Anerkennung leiden. Wer in Armut lebt und herablassend behandelt wurde, verlangt nach Anerkennung und Gerechtigkeit. Nicht freie Rede und demokratische Wahlen, sondern das Gefühl, jemand zu sein, heben das Selbstwertgefühl solcher Menschen. Und bisweilen ziehen sie es deshalb vor, in einer autoritären Ordnung zu leben, wenn sie ihnen gibt, wonach sie verlangen. Davon aber haben Liberale gewöhnlich keinen Begriff.

          Dieses Unverständnis offenbart sich auch in Masha Gessens neuem Buch. „Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“, lautet der Untertitel. Er verrät den Lesern, worauf es hinausläuft. Russland ist nicht geworden, was es hätte sein können, wenn nach dem Ende der Sowjetunion nicht das autoritäre über das Projekt der offenen Gesellschaft gesiegt hätte. Aber warum? Der Leser erfährt es nicht. Ihm werden stattdessen Geschichten von Menschen erzählt, die mit dem Leben nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Ordnung zurechtkommen mussten und als Befreiung empfanden, was nach 1991 geschah. Gessen erzählt von Serjoscha, dem Enkel Alexander Jakowlews, des Vordenkers der Perestrojka, von der Psychoanalytikerin Maria Arutjunjan, vom Soziologen Lew Gudkow, von Shanna und ihrem Vater, dem liberalen Politiker Boris Nemzow, von Mascha und ihrer Mutter Tatjana, die sich in den Jahren der Perestrojka durch den Betrieb einer Nachhilfevermittlung am Leben erhielt, von Ljoscha, dem Sohn einer Lehrerin, der seine Homosexualität entdeckt, sich zu ihr bekennt und erfahren muss, was es bedeutet, im Russland Putins ein Außenseiter zu sein.

          Gessen gefällt sich in der Rolle der Anklägerin. Denn sie erzählt nur von der leidvollen Seite des Lebens. Dunkel und trostlos sei die sowjetische Welt gewesen, nur in den Studierstuben der Dissidenten habe das Licht der Aufklärung gebrannt. Arutjunjan und Gudkow seien Karriere und Einkommen einerlei gewesen, sie hätten gelernt, ohne jemals über die Nützlichkeit des Gelernten nachzudenken. In den Jahren der Perestrojka hätten sich ihnen ungeahnte Möglichkeiten der Entfaltung eröffnet: Die Psychoanalyse und die Soziologie als angewandte Sozialwissenschaft wurden wiederentdeckt. Arutjunjan musste sich in wenigen Monaten aneignen, was in Jahrzehnten erarbeitet worden war. Mit offenen Augen reiste sie in eine neue Welt. 1987 gründete Juri Lewada das „Allsowjetische Zentrum für Meinungsforschung“, in dem auch der junge Gudkow eine Anstellung fand. Hier entstanden die ersten Untersuchungen über den „homo sovieticus“, den fügsamen Menschen, der über Jahrzehnte abgerichtet worden war.

          Die Dissidenten jener Jahre glaubten, dass eine neue Zeit anbrechen werde, sobald auch die Sowjetmenschen von den Früchten der Freiheit gekostet hätten. Das Ende der Sowjetunion wurde tatsächlich von vielen Menschen als Aufbruch in eine leuchtende Zukunft verstanden, und für eine kurze Zeit waren sie bereit, abweichende Auffassungen und Lebensweisen als jenen Preis zu akzeptieren, der für die Ankunft in der neuen Welt zu entrichten war.

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