https://www.faz.net/-gpf-9ifxf

Was ist Freiheit? : Der Reiz des Autoritären

  • -Aktualisiert am

Die sowjetische Vergangenheit aber ließ sich nicht durch „Aufarbeitung“ bewältigen. Zwar arbeitete der Reformer Alexander Jakowlew unermüdlich an der Dokumentation der stalinistischen Verbrechen, Arutjunjan versuchte, traumatisierten Opfern zu helfen, die Schrecken der Vergangenheit zu verarbeiten, Gudkow, die sozialen Bedingungen des sowjetischen Gedächtnisses zu verstehen. Aber was hat man davon, wenn niemand hören will, was man selbst für den einzigen Weg hält, mit dem blutigen Erbe zurechtzukommen? Die Schriftstellerin Lidija Tschukowskaja sprach es deutlich aus: „Die Regierung ist ohne jeden nachvollziehbaren Grund über ihre Bürger hergefallen, hat sie geschlagen, gefoltert und erschossen. Und jetzt versuche mal, zu verstehen, wozu! ... Die Leute sind vor der Wahrheit in Deckung gegangen wie vor einer Revolvermündung.“

Am Ende gingen die Bürger auch vor der neu gewonnenen Freiheit in Deckung, weil die marktwirtschaftlichen Reformen ihnen nicht zu geben vermochten, wonach sie sich sehnten. Alle Ideale, die einst das Ende der kommunistischen Ordnung gerechtfertigt hatten, gerieten nun in Verruf, und mit ihnen auch die Reformer und Dissidenten, die sie vertraten. Nach Jahren der Demütigung mochten die meisten Menschen in Russland nicht mehr am Katzentisch der Europäer sitzen. Sie waren es einfach leid, sich für ihre Armut und Rückständigkeit zu schämen. „Was für Arutjunjan selbst eine Befreiung von den Beschränkungen des totalitären Staates gewesen war“, schreibt Gessen, „hatten viele ihrer Klienten als Druck erlebt, irgendwie durchzukommen, Erwartungen zu erfüllen, mit den anderen mitzuhalten. Als unter den Klängen der Stabilitätsfanfare die ersten Freiheiten wieder eingeschränkt wurden, hatte das beruhigend auf sie gewirkt.“

Gudkows Umfragen bestätigten, was Arutjunjan vermutete. Der „homo sovieticus“ war wiederauferstanden. Gessen bringt dieses Phänomen auf eine sehr einfache Formel: Der paternalistische Mafiastaat Putins habe sich mit der „totalitären Gesellschaft“ der Abgerichteten und Fügsamen verbunden und Russland in einen finsteren Ort verwandelt. Die Bürger hätten es dem Regime leichtgemacht. Denn die „ausgehöhlte Persönlichkeit“ habe die Leere als ihre größte Tugend gepriesen und sich freiwillig unterworfen.

Putins Triumph war das Ende jener Freiheit, von der Liberale träumen. Die Mehrheit der Bevölkerung aber war offenbar bereit, den Preis zu bezahlen, der für die Wiederherstellung von Sicherheit und bescheidenem Wohlstand verlangt wurde. Gessen hat dafür kein Verständnis. Zwei Drittel des Buches bestehen aus nichts anderem als Leidensgeschichten. Gessen geißelt die Kampagnen des Regimes gegen Homosexuelle und Pädophile, verurteilt die Gängelung der Opposition, die Manipulation von Wahlen und den Zynismus der Machthaber, und sie erweckt den Eindruck, als sei die manipulierte Gesellschaft der einzige Grund, auf dem die autoritäre Persönlichkeit gedeiht. Es ist wahr: In Russland werden Oppositionelle bedrängt, in den Medien Loblieder auf die Regierung gesungen, die Toleranz für abweichendes Verhalten ist in der russischen Gesellschaft geringer als hierzulande. Gessen aber behauptet, die Regierung habe Homosexuelle zu inneren Feinden erklärt und die Gesellschaft gegen sie mobilisiert. Die sexuelle Identität aber ist keine Frage, die im Alltag der meisten Menschen eine bedeutende Rolle spielt, und schon gar nicht rechtfertigen solche Hinweise das herbe Urteil, die russische Gesellschaft sei totalitär, die Regierung nichts weiter als eine Mafiaorganisation.

Gessen hat ein bitteres Buch geschrieben, in dem nichts Schönes und nichts Tröstendes zu finden ist und das uns

die Antwort auf die eigentliche Frage schuldig bleibt: Warum arrangieren sich Menschen mit einer autoritären Ordnung, wenn sie sich doch auch für ein anderes Leben hätten entscheiden können?

Masha Gessen: Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 639 S., 26,– .

Weitere Themen

Die NATO Video-Seite öffnen

Videografik : Die NATO

Eine mögliche Erweiterung der NATO Richtung Osten ist Moskau ein Dorn im Auge und belastet das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. Die Videografik gibt einen Überblick über Geschichte und Zweck des Militärbündnisses.

Topmeldungen

Schnelle Produktion: Ein Brückenträger für Genua, geschweißt in der Werft, montiert auf der Baustelle

Brücken vom Dock : Wie Italiens Werften Brücken bauen

Deutschland hat stillgelegte Werften und kaputte Brücken. Was man daraus machen kann, zeigt Italien in vorbildlicher Manier. Der Schiffsbaukonzern Fincantieri denkt die Stahlverarbeitung breiter.
Bald Geschichte? Ein Fuchs-Transportpanzer unterwegs in Gao

Luftwaffe muss abdrehen : Naht das Ende des Mali-Einsatzes?

Das Militärregime in Bamako geht gegen diejenigen vor, die Mali helfen wollen. Afrikanische und westliche Partner werden boykottiert. Auch russische Söldner werden zur Belastungsprobe. Berlin prüft den Abzug.