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Die Ausnahmen : Die vergessenen Diktaturen

Isoliert oder gar international geächtet waren die drei Diktaturen damals keineswegs, auch wenn Spaniens Beitrittsgesuch zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1962 mit der Begründung abgelehnt wurde, dass Diktaturen der Beitritt zur EWG nicht offenstehe. Vollmitglied der EG (1986) und der Nato (1982) wurde das Land erst nach dem Ende der Diktatur; 1970 gestand die EG Spanien jedoch in einem sogenannten Präferenzabkommen Zollvergünstigungen zu. Portugal, das mit den Azoren über einen strategisch bedeutsamen Standort für Militärstützpunkte verfügte, war hingegen Gründungsmitglied der Nato sowie der OECD und der Efta. In Europa gab es nicht wenige Politiker, die über das Regime Salazar öffentlich kein schlechtes Wort verlieren wollten. Grundsätzlich anders stellte sich die Lage im Fall Griechenlands dar, das schon Nato-Mitglied (seit 1952) war, als das Militär 1967 putschte. Die Vereinigten Staaten haben den Putsch in Griechenland nach Ansicht der meisten Historiker, anders als früher vor allem von der griechischen Linken oft behauptet, wohl nicht aktiv vorangetrieben. Nachdem klar war, dass die Putschisten die Zusammenarbeit mit Washington und der Nato nicht aufkündigen wollten und stramm antikommunistisch eingestellt waren, sahen die Amerikaner dann jedoch über viele eklatante Menschenrechtsverletzungen hinweg. Aufgrund der internationalen Verflechtung Griechenlands konnte sich die Junta dem Druck des Auslands jedoch weniger entziehen als die Diktaturen in Spanien und Portugal, wie der Historiker Janis Nalbadidacis darlegt. Im Zuge einer Untersuchung des Europarats wurden zahlreiche Dokumente publik, die systematische Folter durch die griechischen Sicherheitsbehörden belegten. Dass das Regime danach moderater mit politischen Häftlingen umging, war nach Ansicht vieler Beobachter ein Ergebnis des internationalen Drucks.

Schon auf der zweiten Seite des Buches wird schließlich die naheliegende Frage aufgeworfen, ob es einen Zusammenhang zwischen der Diktaturvergangenheit in den drei untersuchten Ländern und den heutigen Erscheinungsformen des Populismus gibt. Denn es ist nicht zu übersehen: Während in den postsozialistischen Gesellschaften Ostmitteleuropas vor allem rechtspopulistische Parteien mit ihrer Europakritik Zulauf finden, ist in Spanien die linkspopulistische Podemos-Partei die drittstärkste Kraft im Parlament und in Griechenland regiert die linkspopulistische Syriza-Partei. In Portugal wiederum ist die Situation noch einmal anders; hier gibt es bisher so gut wie gar keine Populisten.

Eine abschließende Antwort auf die Frage, ob die noch lebendige Erfahrung rechter Diktaturen gegen die Parolen heutiger Populisten dieser Coleur immunisiert, aber anfällig für jene von Linkspopulisten macht, geben die Autoren wohlweislich nicht. Die politische Entwicklung gibt ihnen recht: In Spanien schaffte die rechtspopulistische Vox-Partei mittlerweile den Einzug in das andalusische Regionalparlament.

Jörg Ganzenmüller: Europas vergessene Diktaturen? Diktatur und Diktaturüberwindung in Spanien, Portugal und Griechenland.

Böhlau Verlag, Wien 2019. 288 S., 35,– .

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