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Die Augen überall : Kuriose Scheinwelt des Nachrichtendienstes

  • -Aktualisiert am

Staatssekretär Dr. Hans Globke im Februar 1963 Bild: Picture-Alliance

Die „Organisation Gehlen“ wollte Bundesnachrichtendienst werden. Dafür hatte sie dem Kanzler allerlei anzubieten.

          Geheimdienste stehen oft im Verdacht, ihre Sonderstellung zu missbrauchen. Dieser Vorwurf traf vielfach auch den Bundesnachrichtendienst. So wurde dem für die Auslandsaufklärung zuständigen BND vorgehalten, für Adenauer bundesdeutsche Demokraten zu bespitzeln. In den siebziger Jahren tagte dazu ein Untersuchungsausschuss, und verschiedene Bücher präsentierten Indizien. Wie vielfältig der frühe Bundesnachrichtendienst und sein Vorläufer tatsächlich über westdeutsche Politiker, Journalisten und Intellektuelle berichtete, zeigt nun Klaus-Dietmar Henke anhand von BND-Akten. Ebenso belegt er, dass diese denunziatorischen Meldungen regelmäßig an Hans Globke und damit an Adenauer gingen, der so wöchentlich Interna über seine Kritiker erhielt. Zusammen mit anderen neuen Studien zu den Bundesministerien nach 1945 wirft dies einen gewaltigen Schatten auf die Ära Adenauer.

          Für die „Organisation Gehlen“, wie der BND-Vorläufer bis 1956 genannt wurde, war zunächst Bayern ein Experimentierfeld für die innenpolitische Spionage. Hier konnte der langjährige BND-Chef Gehlen zahlreiche Leute unterbringen, V-Leute verankern und ranghohe Personen als „Sonderverbindungen“ gewinnen. So zählte auch der erste Leiter des frisch gegründeten Münchener Instituts für Zeitgeschichte, Gerhard Kroll, zu Gehlens Zuträgern. Laut Bericht sicherte er zu: „Das Institut wird nichts herausgeben, was den Generalstab belasten könnte.“

          In Bonn entwickelte sich Adenauers rechte Hand, Hans Globke, zum eigentlichen Dienstherren und Schutzpatron von Gehlens Organisation. Ab 1950 wurde er mit regelmäßigen Berichten über die politische Konkurrenz versorgt. Diesen engen Austausch interpretiert Henke als eine Kompensation dafür, dass Gehlen wegen des alliierten Vetos nicht zugleich Verfassungsschutz-Präsident werden durfte, um beide Dienste zu vereinen. Gehlen versuchte sich so politisch zu profilieren und unentbehrlich zu machen. Auch auf die Personalpolitik in Bonn nahm er beratend Einfluss.

          Bereits 1946 setzten erste denunziatorische Berichte ein. Erich Kästner etwa sei von den Sowjets gesteuert. Der Publizist Eugen Kogon habe direkte Kontakte zu den Sowjets und als „Ober-Kapo“ im KZ in einer Villa gelebt. Beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) machten sie Journalisten mit „eindeutig linksradikaler Orientierung“ aus. Aus dem Sender übermittelte der stellvertretende Politik-Chefredakteur August Hoppe dramatisierte Verleumdungen. Eine interne Aufstellung von 1951 zeigt, wer unter welchen Gesichtspunkten ausspioniert werden sollte. Bei der SPD sei etwa auf deren Haltung zum Schuman-Plan, zur Parteiführung und zu den Gewerkschaften zu achten, bei der FDP auf deren Koalitionspläne und „zu krasses Unternehmertum“ und bei CDU-Politikern auf „Abwanderungsbestrebungen“ zu anderen Parteien. Auf der langen Liste der Parteien und Bünde, deren Beobachtung erwünscht war, standen etwa „Rotary international“, der „Bund Christlicher Gewerkschafter“ und der „Ellwanger Kreis“, dem auch viele christdemokratische Politiker angehörten.

          Damit erstellte Gehlens Organisation über alle diejenigen Berichte für Adenauer, die von dessen Regierungskurs abwichen. Gegner der Wiederbewaffnung, wie Gustav Heinemann und Martin Niemöller, erhielten besondere Aufmerksamkeit. Ebenso überwachte die „Org.“ Rivalen im eigenen Bereich. Gezielt beobachtet und denunziert wurden etwa Adenauers Sicherheitsberater Gerhard Graf von Schwerin, der konkurrierende Nachrichtendienstleiter Friedrich Wilhelm Heinz sowie der Präsident des Bundesverfassungsschutzes, Otto John. Die Berichte betonten etwa deren unsteten Lebenswandel und deren Unzuverlässigkeit, die sie aus deren Verbindungen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus ableiteten. Ebenso horchte Gehlens Organisation Medien aus und versuchte diese zu beeinflussen. Laut Henke hat der BND beim „Spiegel“ positivere Berichte über sich erreicht, indem er dem Blatt Informationen übermittelte. Wenngleich solche Kausalitäten vereinfachend klingen, zeigt Henke zumindest den Austausch mit Gehlens Organisation.

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