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Die 707. Infanteriedivision : Holocaust und Wehrmacht

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Generalmajor Gustav Maria Benno Freiherr von Mauchenheim Bild: Aus dem Cover des Buches 707. Infanteriedivision von Stefan Scheil

Unter Historikern geht es längst nicht mehr um die Frage, ob sich die Wehrmacht an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt hat, sondern mit welcher Motivation und in welchem Ausmaß.

          Durch die erste Wehrmachtsausstellung, zwischen 1995 und 1999 in vielen deutschen und österreichischen Städten gezeigt, gerieten die Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse der deutschen Militärgeschichtswissenschaft in den Mittelpunkt einer öffentlichen politischen Debatte. Den Ausstellungsmachern und Befürwortern wurden volkspädagogische Manipulationen historischer Quellen, den Ausstellungsgegnern faktenresistente, mythenbewahrende Apologetik vorgeworfen.

          Unter Historikern geht es längst nicht mehr um die Frage, ob sich die Wehrmacht an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt hat, sondern mit welcher Motivation und in welchem Ausmaß. Die 707. Infanteriedivision - eingesetzt im rückwärtigen Heeresgebiet unter dem Kommando von Generalmajor Gustav Freiherr von Mauchenheim, genannt Bechtolsheim - gilt als einer der wenigen Großverbände der Wehrmacht, die „selbständig und systematisch“ (Christian Gerlach) Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung durchgeführt haben. Der Historiker Stefan Scheil beschränkt sich in einer Detailstudie darauf zu untersuchen, inwieweit die vorliegenden Quellen eine solche zugespitzte Einschätzung rechtfertigen. Damit blendet er, taktisch geschickt, weitere Konfliktfelder aus.

          Ausgehend von der Erstfassung der Wehrmachtsausstellung sowie ihrer Begleit- und Folgepublikationen, nimmt er einige Monographien und Aufsätze ins Visier, in denen diese These einen wichtigen Platz einnimmt. Er legt dar, dass trotz des mehrfachen und von verschiedenen Seiten festgestellten manipulativen und verfälschenden Umgangs mit den historischen Fakten die Grundannahmen der Wehrmachtsausstellung über die Rolle der 707. Infanteriedivision in der Folge mehrfach ohne Überprüfung übernommen wurden. Er stellt den Inhalt der jeweils angegebenen Quellen den Aussagen und Folgerungen in den Untersuchungen gegenüber. Er zeigt nicht gegebene, aber unterstellte und andererseits nicht wahrgenommene Zusammenhänge. Er gibt Beispiele, wie zeitgenössische Quellen zwar nicht grundsätzlich inhaltlich verfälscht werden, sich aber nur durch Verkürzung glatt in die jeweiligen Thesen einpassen lassen.

          Man muss sich nicht die Interpretation von Scheil zu eigen machen, um zu erkennen, dass die Indizienkette, die zur oben zitierten, zugespitzten Aussage führen soll, außerordentlich dünn und keineswegs schlüssig ist. Schon für das betroffene Gebiet die Gesamtzahl der Opfer festzustellen ist sehr schwierig. Bei den zeitgenössischen Zahlen handelt es sich zum Teil um Schätzungen, zum Teil um einzelne Erhebungen, die nicht ohne weiteres zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden können. Vergleiche zwischen Vor- und Nachkriegsstatistiken können aufgrund der Grenzverschiebungen auch nur sehr grobe Werte liefern. Diese Opferzahlen dann auch noch Tätergruppen zuzuordnen ist schwierig. Dass es dennoch versucht wird, kritisiert Scheil.

          Der durch Universitäten und Forschungseinrichtungen repräsentierten, größtenteils staatlich finanzierten „etablierten“ Geschichtswissenschaft steht der Autor deutlich distanziert gegenüber. Er vermutet unter anderem ein „Zitierkartell“ dieser Etablierten, um zu politisch korrekten Forschungsergebnissen zu kommen. Auch wenn hier die Übergänge zur Verschwörungstheorie fließend werden, sollte die angesprochene Gruppe die Kritik zur Kenntnis nehmen und sich auf die erlernten Tugenden besinnen. Natürlich haben neue Erkenntnisse, wenn sie als Sensationen aufgemacht sind, einen höheren Aufmerksamkeitswert. Die vorbehaltslose Quellenkritik und die Einordnung in Zusammenhänge sind aber Voraussetzungen dafür, ein Bild von der Vergangenheit zu rekonstruieren, das über den ersten, flüchtigen Eindruck hinausgeht und sich mit der überwiegenden Zahl der überlieferten Quellen in Einklang bringen lässt.

          Es gibt unter den von Scheil gescholtenen Etablierten auch Historikerinnen und Historiker, die in strittigen Fragen alle Quellen noch einmal selbst prüfen, bevor sie ihr Urteil fällen. Allerdings benötigt dies neben wissenschaftlichen Fähigkeiten auch ausreichend Zeit, was im drittmittelbestimmten, ständig unter künstlichem Zeitdruck stehenden Wissenschaftsbetrieb nur mit einem guten Standvermögen durchzusetzen ist. Aber nur so können zu neuen Fragestellungen weiterführende, differenzierte Erkenntnisse gewonnen werden.

          Stefan Scheil: 707. Infanteriedivision. Strafverfolgung, Forschung und Polemik um einen Wehrmachtsverband in Weißrussland. Helios Verlag, Aachen 2016. 120 S., 19,80€.

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