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Radiogeschichte : Den „verdrehten Geist“ der Jugend entwirren

  • -Aktualisiert am

Bild: akg-images / Hugo Jehle

Die Deutschen sollten nach 1945 zu guten Demokraten gemacht werden. Wie das der Schulfunk für die jungen Leute versuchte, wird in diesem Buch erzählt.

          Ein Radio ist bekanntlich ein Gerät, mit dem man Hörfunksendungen empfangen kann. Nicht mehr und nicht weniger. Als technischer Apparat ist es weltanschaulich neutral, und deshalb ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass die Nationalsozialisten den Rundfunk eben-so effizient zu verwenden wussten wie die Siegermächte nach 1945. Doch während die physikalischen Voraussetzungen der Rundfunktechnik nicht von politischen Systemwechseln bestimmt werden, sind die Inhalte und Formate unverkennbar ideologischen Konjunkturen unterworfen. Dass die Demokratie nur „eine Form“ sei und solche Formen „wechseln“, sich „ins Gegenteil verkehren“, ja „missbraucht“ werden können, war einer klugen Beobachterin wie Margherita von Brentano, die von 1950 bis 1954 die Schulfunkredaktion des Südwestfunks leitete, nur allzu bewusst.

          Nicht von ungefähr stehen diese warnenden Worte am Beginn von Melanie Fritscher-Fehrs lesenswerter Studie zur Bedeutung des Schulfunks für die Werteerziehung im Nachkriegsdeutschland. Auch das Radio sollte seinen Beitrag zur „Re-Education“ leisten, und es war, in den Worten von Fred J. Taylor, einem amerikanischen Rundfunkoffizier bei Radio Stuttgart, gerade „der Funk“, der dafür prädestiniert zu sein schien, den „verdrehten Geist“ der jungen Generation zu entwirren. Dabei setzten die intellektuellen Aufräumarbeiten, die gleichsam die Trümmer in den Köpfen beseitigen sollten, zwar bei den Kindern und Jugendlichen an, zielten jedoch letztlich auf die gesamte Gesellschaft.

          Täglich historische Bildungssendungen

          Mit dem Schulfunk, der seit 1945 fast täglich historische Bildungssendungen ausstrahlte, wendet sich dieses Buch also keinesfalls einer nebensächlichen Angelegenheit zu. Mit neuen Lehrinhalten, insbesondere in den Fächern Deutsch und Geschichte, waren vielmehr auch neue Ordnungsvorstellungen verbunden, und die Frage, ob man das Bismarckreich als modernen Verfassungsstaat oder als autoritären Sündenfall betrachtete, hatte unmittelbare Auswirkungen für die Wahrnehmung der eigenen Gegenwart.

          Diese geschichtspolitischen Implikationen des Schulfunks verfolgt Melanie Fritscher-Fehr für den Südwestfunk (SWF) und den Süddeutschen Rundfunk (SDR). Dabei treten erhellende Unterschiede zutage, sowohl zwischen den einzelnen Besatzungszonen als auch hinsichtlich der Zusammensetzung der Redaktionen. So bedienten sich die Amerikaner bei Kriegsende gern ihrer vielfältigen Erfahrungen mit dem Fernunterricht („school of the air“), während die Franzosen auf Schulfunksendungen zunächst komplett verzichteten. Vom weltanschaulichen Profil her präsentierten sich die Redaktionen in den Anfangsjahren alles andere als stromlinienförmig: Konservative Journalisten arbeiteten dort neben bekennenden Sozialisten wie etwa Karl Kuntze, der den Schulfunk bei Radio Stuttgart leitete, bis er 1951 inmitten des sich verschärfenden Kalten Kriegs seinen Hut nehmen musste.

          Die „Widersprüche und Unsicherheiten“ im Alltag der Redaktionen, wo es immer auch um Netzwerke, Freundschaften und Honorarsummen ging, lässt diese Studie deutlich hervortreten. So konnte man in Schulfunksendungen beispielsweise auf der einen Seite nachdrücklich für eine freiheitlich-demokratische Wertekultur eintreten und auf der anderen Seite den Nationalsozialismus als einen bloßen Betriebsunfall der deutschen Geschichte darstellen. Aufschlussreich ist es, wie stark die Sendungen des Schulfunks, unabhängig vom parteipolitischen Standort des einzelnen Redakteurs, auf die Nation fixiert blieben. Gerade weil der Nationalstaat in Trümmern lag, wurde er offensichtlich einhellig bejaht. Weniger einhellig fielen die Antworten auf die Frage aus, wie die Vorstellung eines solchen Nationalstaats inhaltlich zu füllen wäre.

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