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Deutschland - Indonesien : Blick in den Maschinenraum

  • -Aktualisiert am

Suharto im Juni 2007 Bild: AP

Bundesrepulik und DDR waren Rivalen. Das zeigte sich auch in sehr entferneten Ländern.

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          Dass die Hallstein-Doktrin ein zentraler Baustein der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland war und dass diese rigide Haltung spätestens von Mitte der sechziger Jahre an die strategische Position Bonns schwer belastete, sind keine neuen Erkenntnisse. Diese Entwicklung von anfänglichen Erfolgen und späterer Erstarrung ist in vielen Gesamtdarstellungen der auswärtigen Beziehungen der Bundesrepublik nachzulesen. Die Münchener Dissertation zeichnet diesen Weg umfassend anhand des Beispiels der westdeutschen Indonesien-Politik von 1952 bis 1973 nach. Wobei – dies gilt es schon zu Beginn kritisch anzumerken – verwunderlich ist, dass der Autor über keinerlei Indonesischkenntnisse verfügt. Zwar weist er in seiner Einleitung auf dieses Manko freimütig hin, doch gelingt es ihm nicht, die grundsätzlichen Bedenken gegenüber dieser Vorgehensweise zu entkräften, wenn er lapidar anmerkt, dass sein Untersuchungsgegenstand eben nicht die deutsch-indonesischen Beziehungen seien, sondern „die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Indonesien“. Dieses Vorgehen erinnert an angloamerikanische Autoren, die sich die Welt ausschließlich aus englischsprachigen Quellen erschließen.

          Trotz fehlender Sprachkenntnisse gelingt dem Autor eine grundsolide Darstellung der bundesdeutschen Außenpolitik mit Blick auf Indonesien. Seine Studie stützt sich auf eine breite Quellenbasis, die mit Umsicht in den aktuellen – allerdings äußerst dürftigen – Forschungsstand eingeordnet wird. Mit klarem Blick auf die Realitäten weist er darauf hin, dass der „Bundesrepublik Deutschland zwar keine zentrale, jedoch eine weit mehr als nur passive Rolle in den Beziehungen mit dem größten Land Südostasiens“ zugekommen sei. Dass diese Einschätzung auch umgekehrt zutrifft, belegt die gesamte Studie. Indonesien hatte in der Bonner Außenpolitik lediglich eine marginale Rolle zu spielen.

          Da Indonesien nicht hoch auf der Prioritätenliste Bonns rangierte, kann Tömmel zeigen, dass die Politik tatsächlich auf der Arbeitsebene im Auswärtigen Amt gemacht wurde. Nur selten erreichte die Indonesien-Politik die politische Führung des Ministeriums. Es ergibt sich somit ein Blick in den Maschinenraum der bundesdeutschen Außenpolitik. Das Alltagsgeschäft wurde auf der Ebene der Referatsleiter und Botschafter bewältigt. Ohne die Aufmerksamkeit der höheren Chargen konnten die Diplomaten relativ unbehelligt ihren Geschäften nachgehen. Der Autor kann zeigen, dass sowohl die unterschiedlichen Botschafter als auch die Ministerialen in Bonn relativ große Gestaltungsspielräume hatten, wenn sich der eingeschlagene Kurs im Rahmen des festgelegten Koordinatensystems bewegte.

          Dass der Kalte Krieg und insbesondere die Systemkonkurrenz mit der DDR der zentrale Faktor für die Bestimmung der bundesdeutschen Außenpolitik gegenüber Indonesien waren, belegt Tömmel an vielen Stellen. Seit 1960 – dem Jahr der Bekanntgabe der Errichtung eines DDR-Generalkonsulats in Jakarta – befand sich die westdeutsche Botschaft nach eigener Auffassung in einem „kalten Kleinkrieg“ mit der DDR-Mission. Im Rückblick haftet dieser Auseinandersetzung – den diplomatischen Ränkespielen, dem steten Buhlen um Zuneigung und Zugang – etwas Operettenhaftes an. Diese Tendenz wurde noch verstärkt durch den erratisch agierenden Staatschef Indonesiens, Sukarno, der den bundesdeutschen Diplomaten das Leben zusätzlich erschwerte. Mit dem freiwilligen Austritt Indonesiens aus den Vereinten Nationen am 21. Januar 1965 – einem Novum der Weltgeschichte bis heute – und der gleichzeitigen Annäherung an die Volksrepublik China erreichten die wechselseitigen Beziehungen einen neuen Tiefpunkt. In Bonn und nahezu in allen anderen Hauptstädten der westlichen Welt befürchteten Politiker und Diplomaten ein Abgleiten Indonesiens in den kommunistischen Orbit.

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