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Deutsches Kriegsverbrechen : Ein Dorf unter dem Brennglas

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Der niederländische Autor Jan Brokken am 01. August 2012 Bild: dpa

Im Herbst 2004 erhielt Jan Brokken durch ehemalige Widerstandskämpfer vertrauliche Berichte, die den Krieg im niederländischen Rhoon und die deutsche Besatzung anders darstellten, als ihm es bisher immer erzählt worden war.

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          Der kleine Ort Rhoon liegt im Polderland der Maas südlich von Rotterdam. Lange Zeit erzählte man sich hier jedes Jahr am 4. Mai, dem niederländischen Gedenktag an die Opfer des Zweiten Weltkriegs, dieselbe Geschichte. Jedes Schulkind bekam sie zu hören. Es ist die Geschichte eines schrecklichen deutschen Kriegsverbrechens. In der Nacht vom 10. /11. Oktober 1944 sei eine deutsche Patrouille nahe der Flachsfabrik in ein zufällig herabhängendes Stromkabel geraten, das die Herbststürme von der Mauer gerissen hätten. Ein deutscher Soldat kam durch einen Stromschlag ums Leben. Als Vergeltung dafür erschoss die Wehrmacht einen Tag später willkürlich sieben Männer aus der Gegend.

          Eines der Schulkinder, die diese Geschichte jedes Jahr hörten, war der 1949 geborene, in Rhoon aufgewachsene Jan Brokken. Seit Mitte der achtziger Jahre gehört er zu den wichtigsten, zeitgenössischen Schriftstellern der Niederlande. Im Herbst 2004 erhielt er durch ehemalige Widerstandskämpfer vertrauliche Berichte, die den Krieg in Rhoon und Umgebung anders darstellten, als Brokken es bisher immer erzählt worden war. Das Stromkabel sei vielleicht gar nicht vom Sturm abgerissen worden, sondern absichtlich dort plaziert worden. Ein Sabotageakt also?

          Diese Frage ließ Jan Brokken nicht los, und er begab sich auf eine Spurensuche in die Vergangenheit seiner Heimat. Was er dabei zutage förderte, ist die sehr lesenswerte Mikrostudie eines Dorfes unter der deutschen Besatzung 1940 bis 1945. Er schildert einen zerrissenen Ort in Zeiten des Krieges, in dem Untergetauchte, Widerstandskämpfer, niederländische Nationalsozialisten und deutsche Soldaten Tür an Tür lebten. Er stieß auf rauschende Feste mit den Besatzern, unehelich gezeugte „Wehrmachtskinder“, aber auch auf Widerstandsaktionen und zivilen Ungehorsam. Für die einen schien der Krieg eine „Ferienzeit“ zu sein, in der alles anders ist, für andere war es die schlimmste Zeit ihres Lebens. Ein bizarrer Mikrokosmos, der bis in die Familien reichte. Während in der Familie de Regt beispielsweise zwei Brüder im Widerstand waren und einer in Deutschland Zwangsarbeit leisten musste, gingen die beiden Töchter mit deutschen Soldaten auf ausgelassene Feiern und vermutlich auch ins Bett.

          Als Grundlage des Buches dienten Brokken Tausende Seiten an Dokumenten und Unterlagen, die von seinem Freund und ehemaligen Schulkameraden Bert G. Euser zusammengetragen wurden. Von 2005 bis 2012 führte Euser zudem 185 Interviews mit Zeitzeugen und deren Nachkommen. All dies verknüpfte Brokken akribisch genau zu einer dichten Erzählung über das kleine Rhoon im Zweiten Weltkrieg. Einen Ort, wie es ihn tausendfach im Europa unter deutscher Besatzung gegeben hat. Ist Brokkens Interpretation einer Quelle zweifelhaft oder ungesichert, macht er dies deutlich. So verbindet sich in seinem Text die Ernsthaftigkeit eines Historikers mit der Ausdrucksfähigkeit eines Romanciers.

          Und der mögliche Sabotageakt? Da es kein Kriminalroman ist, kann es gesagt werden. Auch Brokken kann es nicht völlig aufklären. Sicher ist, dass die deutsche Patrouille in Wirklichkeit eine kleine Feiergesellschaft aus deutschen Soldaten und niederländischen Mädchen war und dass es Indizien gibt, dass einige Dorfbewohner den „Moffenhuren“ und den Deutschen einen Denkzettel verpassen wollten. Hat demnach in Wirklichkeit jemand aus dem Ort das spätere Kriegsverbrechen ausgelöst? Diese Ungewissheit hängt bis heute über Rhoon und lässt die Vergangenheit nicht ruhen. Das dunkle Geheimnis macht es schwer, die Vergangenheit aufzuarbeiten und so ist der Krieg dort bis heute lebendig. Aus diesem Grund ist das Buch auch eine Reise in die niederländische Seele der Nachkriegszeit.

          „Krieg bringt nicht nur das Schlechteste und das Beste im Menschen an die Oberfläche, sondern vermischt auch auf seltsame Weise Gut und Böse“, schreibt Brokken. In der Tat. Geschichte ist nur selten schwarz und weiß, zumeist ist sie grau. Und Brokken erzählt dieses Grau ausgewogen und meisterhaft.

          Sebastian Weitkamp

          Jan Brokken: Die Vergeltung. Rhoon 1944. Ein Dorf unter deutscher Besatzung. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 397 S., 19,99 €.

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