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Deutscher Flottenverein : Das lässt doch einen Seemann nicht erzittern...

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Titelblatt des Vereinskalenders 1909 Bild: Abb. aus dem bespr. Band

Der Wunsch nach einer starken Flotte fand in der Gründung des Deutschen Flottenvereins (DFV) seinen nachhaltigen Ausdruck. Dieser wurde 1898 gegründet und entwickelte sich bis 1914 zur mitgliederstärksten und bedeutendsten gesellschaftlichen Interessengruppe im Kaiserreich.

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          Bis zum Ende der Bismarck-Ära (1890) galt für das Deutsche Reich die Maxime, sein Schicksal werde auf dem Land, nicht auf dem Meer entschieden. Das änderte sich, als parallel zum Ausgreifen der Staaten nach Kolonien, Rohstoffbasen und Absatzmärkten am Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Flottenära die Großmächte erfasste. Der amerikanische Historiker William L. Langer hat diese Phase mit dem Begriff Navalismus bezeichnet. Marinen sollten als bewegliche Machtmittel die imperialen Ansprüche und Weltmachtgeltung eines Landes repräsentieren. Im Deutschen Reich standen Kaiser Wilhelm II. und der Staatssekretär des Reichsmarineamtes (RMA) Alfred von Tirpitz an der Spitze der Protagonisten dieses Trends. Tirpitz gelang es 1898 und 1900 nach jahrelangen Widerständen, im Reichstag Gesetze verabschieden zu lassen, die - unter Einschränkung des parlamentarischen Budgetrechts - den langfristigen Ausbau der Kriegsflotte sicherten, aber auch zu einem Rüstungswettlauf mit Großbritannien führten.

          Der Wunsch nach einer starken Flotte wurde rasch auch von Industrie und Handel aufgegriffen, brach sich bald auch in weiten Teilen des deutschen Bürgertums Bahn und fand in der Gründung des Deutschen Flottenvereins (DFV) seinen nachhaltigen Ausdruck. Dieser wurde mit Unterstützung des RMA und führender Industrieller 1898 gegründet und entwickelte sich bis 1914 zur mitgliederstärksten und bedeutendsten gesellschaftlichen Interessengruppe im Kaiserreich. Die Wirkungen seiner auf Flottenvermehrung und Neujustierung der deutschen Politik zielenden Propagandaarbeit können nicht überschätzt werden. Die Geschichte des DFV bis zu seiner Auflösung 1934 untersucht Sebastian Diziol.

          Zunächst als Honoratiorenverein und als „verlängerter Arm“ des RMA gegründet, diente der DFV, so Diziol, vor allem zwei Zwecken: der Verbreitung des Flottengedankens, um den Bau einer mächtigen Schlachtflotte zu ermöglichen. Damit sollte gleichzeitig eine Neuausrichtung der Politik „bis hin zu einem zukünftigen Aufstieg des Reiches zur Weltmacht“ befördert werden. Die ursprünglich zentralistische Struktur des Vereins wurde angesichts des Mitgliederzuwachses (im Jahr 1900 fast 250 000) schon bald in Landes- und Ortsverbänden dezentral auf das ganze Reich ausgeweitet. Die Studie macht deutlich, wie der DFV bald zum größten deutschen nationalen Verein und einem „beachtenswerten Faktor“ im politischen Leben wurde. Flottenbau und Flottenbegeisterung markierten dabei einen neuen Nationalismus, der auf Deutschland als künftige maritime Weltmacht fokussiert war. Diziol fasst diese Entwicklung überzeugend unter einem neuen Navalismusbegriff zusammen, nämlich die Übertragung von Ordnungssystemen und Wertvorstellungen aus dem Bereich der Kriegsmarine auf Staat, Politik und Gesellschaft. Der vom DFV vermittelte und geprägte Navalismus habe „den deutschen Nationalismus nachhaltig verändert“ und ihn „aggressiver, expansionistischer und radikaler gemacht“.

          Der nach seiner Satzung „unpolitische“ Verein radikalisierte sich unter einer kompromisslosen Führung von 1904 an zunehmend. Bei den Flottennovellen 1906 und 1908 gingen dem DFV die Vorschläge des RMA nicht weit genug, seine Führung verlangte, man müsse die Stimmung im Volk zu einer maximalen Vergrößerung der Flotte ausnutzen. Im Vorfeld der Reichstagswahl 1907 agitierten große Teile des Vereins aggressiv vor allem gegen die Zentrumspartei und die katholische Kirche für die Unterstützung des Krieges in Südwestafrika. Die Konflikte führten zu einer Ablösung der Vereinsleitung, deren Politik selbst dem Reichsmarineamt zu gefährlich schien. Erst mit neuer Führung geriet der DFV wieder in ruhiges Fahrwasser, gab sich als „vaterländischer Verein“, der über den Parteien steht aus und konnte so 1914 über eine Million Mitglieder vorweisen.

          Mit Beginn des Ersten Weltkriegs verlor der DFV rapide an Einfluss, weil die Flotte zunächst keine Rolle spielte und ein Einsatz für ihren weiteren Ausbau damit hinfällig geworden war. Aufwind bekam der Verein erst wieder durch die Skagerrak-Schlacht Ende Mai 1916, deren faktisches Patt vom DFV aber emphatisch als Sieg gefeiert wurde, bis die im Reich verbreitete Kriegsmüdigkeit auch auf die Mitglieder des DFV durchschlug. Mit der Meuterei der Matrosen, die den Befehl zum Auslaufen zur letzten Entscheidungsschlacht gegen England im Oktober 1918 verweigerten, brach - so das Fazit der Arbeit - das mit den Begriffen Flotte, Kaiser, blaue Jungs, Flagge beschriebene Symbolsystem des DFV zusammen.

          Diziol analysiert zutreffend, dass der Flottenverein damit als politisch relevanter Akteur aufhörte zu bestehen. Offiziell existierte er allerdings mit nur noch geringem Einfluss und stark reduzierter Mitgliederzahl weiter. Da sich nach deren Selbstversenkung in Scapa Flow der Einsatz für eine Kriegsflotte überholt hatte, verlegte der DFV seine Aktivitäten auf den Wiederaufbau der durch den Versailler Vertrag dezimierten Handelsflotte und firmierte fortan unter dem neuen Namen Deutscher Seeverein (DSV). Zentrale Ziele der Vereinspropaganda in den zwanziger Jahren waren jetzt der Kampf gegen den Friedensvertrag, die „Kriegsschuldlüge“ und die schwarz-rot-goldene Flagge der Republik. Der Einsatz der Flotte und ihr Erfolg in der Skagerrakschlacht wurden zu einem Heldenmythos erhoben.

          Erst ab Mitte der zwanziger Jahre kam der DSV wieder auf Forderungen für eine starke Kriegsmarine und für Deutschlands Gleichberechtigung in der Flottenrüstung zurück. Inzwischen wieder zum DFV umbenannt, beharrte man am Ende der Weimarer Republik auf dem unpolitischen Status und hielt Distanz zum Nationalsozialismus. Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ 1933 schwenkte der Verein aber auf den neuen Kurs ein, gelobte dem „Führer“ treue Gefolgschaft und begrüßte begeistert die Wiedereinführung der schwarz-weiß-roten Flagge. Alle Treueschwüre nützten nichts, mit der Gründung des Reichsbundes deutscher Seegeltung, der als Dachverband die Aktivitäten aller mit der Seefahrt verbundenen Interessenverbände bündeln sollte, war der DFV für die neue nationalsozialistische Führung überflüssig geworden. Konsequent betrieb man seine „freiwillige“ Selbstauflösung, die im Dezember 1934 erfolgte. Zu diesem Zeitpunkt hatte der unter akutem Mitgliederschwund leidende DFV, der gegenüber dem Kaiserreich seit 1918 ohnehin nur ein Schattendasein führte, längst jeglichen Einfluss und gesellschaftliche Relevanz verloren.

          Diziols Studie, die erstmals den DFV einer Gesamtschau unterzieht, ist chronologisch, auf der nächsten Gliederungsebene systematisch angelegt und fußt auf einer außergewöhnlich breiten Quellenbasis. Ausgewogen bilanziert der Verfasser die Organisationsgeschichte des Vereins und legt zugleich das mentale Umfeld von Flottenrüstung und nationalistischer Neuorientierung im Kaiserreich in Richtung auf eine Weltmachtpolitik frei. Die Erläuterung von theoretischen Ansätzen sowie der Detailreichtum der Studie schlagen sich auch im Umfang mit 857 Seiten und 2600 Fußnoten nieder und machen die Lektüre nicht leichter. Als wichtiger Beitrag zur Marine- und Militärgeschichte sowie zur Mentalitätsgeschichte im deutschen Kaiserreich ist das Buch, dem eine Straffung gutgetan hätte, gleichwohl uneingeschränkt zu empfehlen.

          Sebastian Diziol: „Deutsche, werdet Mitglieder des Vaterlandes!“ Der Deutsche Flottenverein 1898-1934. Verlag Solivagus Praeteritum, Kiel 2015. Zwei Bände, zusammen 857 S., 97,- €.

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