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Deutsche Besatzer in Polen : Studentenwohnheim als Bordell

  • -Aktualisiert am

Flugblatt der Gruppe Wawer von 1942: „Auf den Warschauer Straßen gehen szkopy (pejorativ für die Deutschen) mit Schweinen!“ Bild: Abb. a.d.bespr. Band

Deutsche Sexualpolitik im besetzten Polen war eine Verbotspolitik mit manchen Ausnahmen, zugleich betrieben die Besatzer eine aktive Prostitutionspolitik mit einer selbstgeschaffenen Bordell-Infrastruktur.

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          Zahlreiche Deutsche gingen im besetzten Polen sexuelle Beziehungen mit polnischen Frauen ein. In Maren Rögers Arbeit wird schnell deutlich, dass es einen erheblichen Unterschied zwischen den politischen Vorgaben des NS-Regimes und dem Besatzungsalltag gab: Entgegen aller Kontaktverbote sind zahlreiche Verbindungen in den umfangreichen zeitgenössischen Polizei- und Justizakten dokumentiert. Röger fragt danach, was die neuen sozialen Hierarchien für die sexuellen Begegnungen zwischen deutschen Besatzern und polnischen Frauen bedeuteten, und schildert ein breites Spektrum an sexuellen Kontakten: kommerziell, konsensual und erzwungen (und innerhalb dieser Kategorien noch einmal viele Schattierungen). Den drei Bereichen widmet die Autorin jeweils einen eigenen Teil: Prostitution im besetzten Polen, deutsch-polnische Besatzungsbeziehungen sowie sexuelle Gewalt und Konsequenzen.

          Um das Prostitutionssystem zu kontrollieren, richteten die deutschen Besatzer seit Mitte 1940 eigene Bordelle ein, und zwar jeweils eigene für Angehörige der Wehrmacht und des SS- und Polizeiapparates. Häufig enteigneten sie zu diesem Zweck jüdische Häuser, setzten aber örtliches Personal ein: So wurde in Krakau ein jüdisches Studentenwohnheim enteignet und zu einem Bordell umfunktioniert, der ehemalige Hausmeister führte das Bordell. Außerhalb der legalisierten Prostitution galt ein Kontaktverbot, das ab Frühjahr 1940 auch strenger als in der Anfangszeit der Besatzung umgesetzt wurde. Zugleich wuchs der Druck von polnischer Seite auf die polnischen Frauen, die sich mit Deutschen einließen. Röger konstatiert im Hinblick auf das Kontaktverbot und die angestrebte räumliche Trennung von Deutschen und Polen, etwa in Cafés, eine „Differenz zwischen offiziellen Regularien und dem Besatzungsalltag“. Und dieser Befund zieht sich durch die gesamte Studie. Immer wieder wird deutlich, wie sehr der Besatzungsalltag nicht den vorgegebenen Regeln entsprach und offenbar mitunter große Freiräume eröffnete.

          Röger spürt den Motivationen derjenigen nach, die gegen das Umgangsverbot verstießen, und sie geht Diffamierungen und Denunziationen nach. Diese standen häufig am Beginn der Strafverfolgung. Die Rechtsunsicherheit war hier groß, das Strafmaß recht unterschiedlich. Strenger und ohne Spielräume fielen die Strafen für intimen Verkehr mit Jüdinnen aus. Hier kam das Delikt der „Rassenschande“ zur Anwendung. Wie komplex und widersprüchlich die NS-Rassenpolitik war, zeigt der Befund, dass es manchen Deutschen gelang, ihre Ehewünsche im besetzten Polen bewilligt zu bekommen, teilweise auch mit Polinnen.

          Zur Frage der sexuellen Gewalt ist die Dokumentenlage oftmals schwierig. Die Opfer schwiegen aus Scham, aufgrund des Machtgefälles zwischen Täter und Opfer kam es zudem nur zu wenigen Anzeigen. Die Grenzen zwischen käuflichem Sex und sexualisierter Gewalt waren häufig fließend, und immer wieder kam es zu Gruppenvergewaltigungen. Phasen mit extremer sexueller Gewalt waren vor allem die ersten Besatzungswochen und dann wieder die Zeit des Warschauer Aufstandes. Die absolute Macht der Besatzer wird hier sehr offenbar. Auch wurden Jüdinnen häufig Opfer sexueller Gewalt, hier verbanden sich Antisemitismus und Dominanz-Lust.

          Sogar Hilfe für Juden war mitunter mit sexueller Gewalt verbunden. Kam es zur Anzeige, untersuchten die ermittelnden Polizisten häufig nicht nur die Tatumstände, sondern beurteilten auch den Charakter der Polin, die die Vergewaltigung angezeigt hatte. Der Verweis auf Trunkenheit wirkte sich strafmildernd aus, das Strafmaß war sehr unterschiedlich und hing vom Engagement der Männer in Partei und Militär, der bisherigen Führung sowie möglicher Vorstrafen ab. Das Strafmaß reichte von einigen Wochen Arrest über mehrjährige Zuchthausstrafen bis hin zur Todesstrafe.

          Eine faszinierende Alltagsgeschichte des besetzten Polens mit vielen Nuancen und Grautönen gelingt Maren Röger. Sie versteht Sexualpolitik als „ein zentrales Element der Rassen- und Volkstumspolitik“. Die deutschen Besatzer überwachten und regulierten Sexualität, Eheschließungen und Geburten - und doch war der Alltag häufig vom angestrebten und verordneten Ideal sehr verschieden. Letztlich zeigt Röger, dass der absolute Kontrollanspruch des Regimes über die Wahl der Sexualpartner nicht durchgesetzt werden konnte.

          Deutsche Sexualpolitik im besetzten Polen war eine Verbotspolitik mit manchen Ausnahmen, zugleich betrieben die Besatzer eine aktive Prostitutionspolitik mit einer selbstgeschaffenen Bordell-Infrastruktur. Die Zufriedenheit der Truppe sollte hier gewährleistet werden. Und die Macht der Besatzer bedeutete laut Röger „auch Macht über die Körper der Einheimischen, die Verfügungsgewalt über deren sexuelle Selbstbestimmung“; es kam in der Besatzungszeit zu massenhaften „Verletzungen der sexuellen Integrität“.

          Für die polnischen Frauen, die in welcher Form auch immer während der Besatzungszeit sexuelle Kontakte zu Deutschen hatten oder haben mussten, war diese Geschichte 1945 nicht beendet. Opfer sexueller Gewalt litten vermutlich noch Jahrzehnte unter dem Erlebten, die Frauen, die mehr oder weniger freiwillige Kontakte eingegangen waren, wurden teilweise nach dem Krieg angezeigt, die Verurteilungspraxis war aber eher zurückhaltend. Doch mussten sie ihre Spuren verschleiern, viele zogen um, da sie sozial geächtet, als Verräterinnen angesehen wurden. Die meisten dieser Frauen schweigen bis heute.

          Maren Röger: Kriegsbeziehungen. Intimität, Gewalt und Prostitution im besetzten Polen 1939 bis 1945. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 304 S., 24,99 €.

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